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„Isle of Dogs“ Strolch unter Strolchen

Wes Andersons Hunde-Trickfilm „Isle of Dogs“ ist ein herrlicher Film, wenn man keine Probleme damit hat, dass der Regisseur ein echter Kleptomane ist.

„Isle of Dogs – Ataris Reise"
Hunde befinden sich ungern in der Luft, aber manchmal muss es ein. Szene aus „Isle of Dogs“. Foto: epd

Es müsste eine Freude sein, auf Wes Andersons Geburtstage eingeladen zu werden. Man wüsste sofort, was man im schenken könnte. Der Geschmack dieses Filmemachers scheint manchen Fans so unverkennbar, dass sie eigens eine Internetseite eingerichtet haben, um potentielle Drehorte für ihr Idol zu sammeln. Auf accidentallywesanderson.com entwickelt sich eine Fundgrube für Retro-Chic, für Alltagssurrealismus und für jene Art Architektur, die sich nur selbst schön findet. Wenn man einmal auf dem Trip ist, kann man praktisch überall einen „zufälligen Anderson“ entdecken.

Natürlich sieht der echte Wes Anderson sich längst ganz woanders um. Sein Puppenfilm „Isle of Dogs“, den er in den vergangenen zwei Jahren überwiegend in Großbritannien drehte, ist all denen, die seiner Kultur folgen, weit vorausgeprescht, dorthin, wo sie ihn dann vielleicht doch nicht vermutet haben. 

Der apokalyptische Spielort, eine zur Mülldeponie verkommene japanische Insel, hat eine morbide, endzeitliche Schönheit. Die flachen Breitwandbilder finden ihre Vorbilder in Farbholzschnitten des 19. Jahrhunderts und den Bühnen des Kabuki-Theaters. Respektvoll verbeugt sich Wes Anderson dabei vor nationalen Kulturgrößen wie dem Filmemacher Akira Kurosawa oder der Künstlerin Yoko Ono, die sogar eine nach ihrem Vorbild modellierte Puppe sprechen darf. Lediglich die Jahrhunderte alte Canophobie, die der Filmemacher dem Inselvolk andichtet, könnte bei dortigen Patrioten für Verstimmung sorgen. 

Aber lustig ist sie schon, die Saga vom Hunde-hassenden Fürsten Kobayashi und seinem Nachfahren in der Gegenwart, einem faschistoiden Tokioter Bürgermeister. Der schüchtert die Stadt mit Schreckensgeschichten von Hundeseuchen ein, um in der paranoiden Stimmung seine Macht zu zementieren. Dabei haben die Vierbeiner Rex, King, Duke, Boss und Chief, die Hauptfiguren, natürlich keinem etwas getan. Und auch wenn sie mit tausend Artgenossen auf eine japanische Mülldeponie verbannt werden, tragen sie ihre großen Namen mit Stolz vor der Brust – eingraviert in ihre glänzenden Hundemärkchen. 

Schließlich sind sie Alpha-Hunde, wie der eingefleischte Streuner Chief nicht müde wird, seinen Freunden einzutrichtern. Die haben ihr früheres Leben zwar wohlbehütet als Maskottchen von Baseballclubs verbracht, doch nun müssen sie lernen, wie man sich standesgemäß um eine Tüte Abfall balgt. Und sich dabei – wenn es eben sein muss – auch mal gegenseitig ein Stückchen Ohr abbeißt. 

„Alles Bellen wurde englisch synchronisiert“, heißt es im Vorspann, was Zuschauern der Originalversion akustische Begegnungen mit Stars wie Bill Murray, Jeff Goldblum oder Tilda Swinton beschert. Die Stimmen der Menschen wurden im japanischen Original belassen. 

Es ist ein herrlicher Film, wenn man keine Probleme damit hat, dass der Regisseur ein echter Kleptomane ist. Nach etwa vierzig Minuten ist der zitierfreudige Anderson beim Klassiker aller Hundetrickfilme angekommen, Walt Disneys „Susi und Strolch“. Eine Susi gibt es zwar nicht, aber wer den Disneyfilm kennt, erinnert sich an die berühmte Szene im Hundezwinger. Da traf Strolch (das offensichtliche Vorbild von Streuner Chief) auf die laszive Hündin Peg, mit der er vielleicht früher einmal etwas hatte. Sie heißt hier Nutmeg und ist eine ehemalige Zirkushündin mit der Stimme von Scarlett Johansson. Und fast ebenso unwiderstehlich. Wie immer findet Anderson dazu einen Soundtrack, der das Profane ins Erhabene hebt. Hier ist es der geniale Dilettantismus der fast vergessenen West Coast Pop Art Experimental Band von 1966.

Das verwegenste Filmzitat allerdings wird man außerhalb Japans kaum erkennen. In der Geschichte des zwölfjährigen Atari, der in einem Flugzeug den Tieren zur Rettung kommt, spiegelt sich der überhaupt erste abendfüllende Anime, „Momotaro’s Divine Sea Warriors“, ein Propagandafilm aus dem Zweiten Weltkrieg. 

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