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"Indiana Jones" Hüter des B-Film-Schatzes

Das Geheimnis ist gelüftet: In Cannes erweist sich der neue "Indiana Jones" als reiner Spaß. Von Daniel Kothenschulte

Nicht zuletzt ist Harrison Ford ein Gefangener der drei Vorläufer, die seit den 80er Jahren 1,2 Milliarden Dollar einspielten. Foto: Verleih

Wie sich am Ende herausstellt, ist gar nicht alles Gold, was glänzt. Was Außerirdische in einem alten Maja-Tempel hüten und als den allergrößten Schatz betrachten, ist tatsächlich "nur" ihr Wissen. Dr. Jones, der den Mammon stets verachtet hat, hätte da nicht widersprochen. In drei Filmen sah er unersetzliche Kunstschätze zu Staub zerfallen und berauschte sich allein am Erkenntnisgewinn. Und natürlich darf er auch beim mit Spannung erwarteten vierten Streich wieder über die Habgier der Dummen triumphieren.

Es glänzt eine Menge in "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels", dieser ohne Umschweife unterhaltsamen Fortsetzung nach neunzehn Jahren, in denen Steven Spielberg, wie er in Cannes der Presse erklärte, andere Prioritäten hatte. "Ich befinde mich doch eigentlich in meiner schwarzen Periode, drehe Filme über ernste politische Themen, damit meine Kinder einmal etwas zu bewundern haben, wenn sie erwachsen sind." Jetzt bekommen sie auch wieder etwas zu erben.

Der Lichtschein in der Finsternis verborgener Schatzkammern blitzt wie ein Feuerwerk, und wer die von George Lucas erdachte Handlung für etwas dünn hält, der hat schon lange keinen "Indiana Jones"-Film mehr gesehen. Als die Filmfans Lucas und Spielberg die Serie erdachten, wollten sie den Nachmittagsvorstellungen ihrer Kindheit Tribut zollen - den endlosen B-Film-Serien der Vierziger Jahre. Gedreht mit minimalen Budgets, eigneten sie sich auch noch während der Nachkriegszeit vorzüglich, um kleinen Jungs ihre letzten Cents abzuknöpfen. Es gibt keine Logik in diesen Filmen außer vielleicht auf antiken Steinplatten - und nach denen musste zuvor lange in Dschungeln aus Pappmaschee gesucht werden.

Wer die "logische Entwicklung" vermisst, wie jener missmutige Internetblogger, der vergangene Woche den ersten Verriss in Umlauf brachte, hat etwas nicht verstanden vom Blockbuster-Kino der letzten zwei Jahrzehnte. Allerdings schlich sich in der Zwischenzeit genug Bedeutungsüberschuss in diese Filme, dass man die Unschuld von "Indian Jones" vielleicht vergessen hat. Spielberg und Lucas hatten das "Kino der Attraktionen" wiederentdeckt und damit erst die Grundlage geschaffen für eine endlose Nachhut formelhafter Kinoabenteuer und Computerspiele. Nicht immer ist die Erzählkunst das Geheimnis eines Kinoerlebnisses. Erst einmal sieht man schließlich mit den Augen.

Cate Blanchett hat die schillerndsten. Als russische Wissenschafts-Fuktionärin spielt sie die dankbarste Schurkinnenrolle seit den Tagen der alten Disneyhexen. Man schreibt das Jahr 1957, in den USA herrschen Rock'n'Roll und Kommunistenhatz. Das Objekt der sowjetischen Begierde ist der magnetische Kristallschädel eines Außerirdischen. Die wissensdurstige Mischung aus Ninotschka und Mata Hari träumt Stalins Traum von der totalen Gedankenkontrolle.

Wie jeder halbwegs integre Intellektuelle seiner Zeit gerät Dr. Jones sofort in Sympathisantenverdacht und würde wohl aus dem Lehramt entfernt, wenn er sich nicht selbst auf die Suche nach der Wahrheit machte. Sie wird ihn nicht nur mit der einzigen Frau zusammenbringen, die ihm je das Wasser reichen konnte - die hinreißende Karen Allen hat sich in der Rolle der Abenteurerin Marion Ravenwood kein bisschen verändert -, sondern auch seinem unbekannten Sohn.

Shia LaBeouf bleibt als College-Student Matt im Rocker-Outfit zwar reichlich farblos, erwirbt sich aber in einer herrlichen Fechtszene den Respekt seines Kino-Vaters, die er mit Cate Blanchett à la Errol Flynn und Basil Rathbone auf rasenden Autodächern bestreitet. Ansonsten erkennt man drohende Gefahren immer erst, wenn sich wieder einmal die Kommunisten heimlich angeschlichen haben und alle plötzlich umzingelt sind. Nein, mit Logik hat die Wissenschaft des Dr. Jones und Mr. Spielberg nicht viel zu tun.

Wieviel der trockene Humor seiner Rolle mit der persönlichen Schlagfertigkeit von Harrison Ford zu tun hat, ließ sich wieder einmal bei einer Pressekonferenz erleben. Als eine Journalistin Ford nach der neuerlichen Zusammenarbeit mit Steven Spielberg befragte, lobte er diesen als den härtesten Arbeiter im Showgeschäft. "Das heißt, seit wir James Brown verloren haben." Es sind diese One-Liner, die seine Rolle unwiderstehlich machen.

Endlich war die peinliche Geheimniskrämerei beendet, die Spielberg in den letzten Monaten und noch bis zum Wochenende lanciert hatte. Jetzt enthüllte Spielberg, das beinahe alle Bemühungen im Sande verlaufen wären: Bei einem Studio-Einbruch waren 3000 Standbilder geraubt worden, aus denen sich der gesamte Film erschlossen hätte. Sie wurden einer Internetseite angeboten, die gleich die Produktion informierte.

Wissen mag wertvoller als ein Goldschatz sein. Aber gilt das auch für den Inhalt von "Indiana Jones Teil 4"? Waren Spielberg und Lucas nicht einmal angetreten, um sich vom intellektuellen Anspruch weitestgehend zu befreien? Wenn ihr Werk durchaus zwiespältige Aufnahme bei vielen Kritikern in Cannes gefunden hat, so weil Geheimniskrämerei eben auch falsche Erwartungen wecken kann.

Der frühe "Indiana Jones" war der erste jener postmodernen Blockbuster, die sich ganz der B-Film-Dramaturgie verschrieben hatten. Doch heute sind ihre trivialen Vorlagen weitgehend vergessen. Beginnend mit dem ersten Auftritt des jungen "Indiana Jones" im Outfit Marlon Brandos im B-Picture "Der Wilde" strotzt der Film vor Anspielungen an eine vergangene Kinokultur, die sich kaum noch vermitteln lässt.

Steven Spielberg hat sich zum Hüter des verlorenen Kinoschatzes entwickelt, was ihn sogar mit seinem alten Partner George Lucas über technische Details streiten lässt. "Ich habe noch immer keine Lust digital zu drehen", sagte Spielberg am Sonntag in Cannes. "Ich liebe einfach die Arbeit mit Zelluloid".

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