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Independence Day Sind die Aliens denn Trottel?

Außerirdischen-Quark mit Monsterbratze: Roland Emmerichs spektakulär missratenes Epos „Independence Day: Wiederkehr“.

Wenn nichts dazwischenkommt, dann erreicht „Independence Day 2: Wiederkehr“ heute die Kinos. Foto: epd

Beginnen wir mit einem kleinen Gedankenexperiment und gehen von der Annahme aus, dass es Außerirdische tatsächlich gibt und dass sie uns, den Menschen, in wirklich jeder Hinsicht, vor allem aber in vernichtungstechnologischen Angelegenheiten himmelweit überlegen sind. Macht sich nun der gesunde Menschenverstand diese Annahme zu eigen, stellt sich ihm unweigerlich die Frage, warum die Außerirdischen nicht einfach ihren ultimativen Vernichtungsknopf drücken, wenn sie die Menschheit mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen. Kaum sinnvoll erschiene es jedenfalls, wenn die Aliens stattdessen die Zeit mit dem Anrichten von Kollateralschäden verdaddelten, bis die Menschheit eine Lücke im tödlichen System findet und zu ihren Gunsten ausnutzt. Sind die Aliens denn Trottel?

Roland Emmerichs Weltrettungsepos „Independence Day: Wiederkehr“ führt das beschriebene Gedankenexperiment durch. Auch bemüht sich der Film um eine Antwort auf die alles entscheidende Frage nach der strategischen Intelligenz der außerirdischen Bösewichter. Eine dramaturgisch delikate Frage mithin, denn einerseits dürfen die Aliens nicht zu doof sein, weil sie sonst kaum gefährlich wären, andererseits dürfen sie auch nicht zu schlau sein, weil die Menschheit sonst chancenlos bliebe.

Um es vorweg zu nehmen: Im Unterschied zum Vorläuferfilm aus dem Jahre 1996 findet Emmerich keine befriedigende Antwort. Sein Scheitern gewährt aber einen guten Einblick in die Funktionsweise eines zum bloßen Überwältigungsspektakel herabgesunkenen Blockbuster-Formats.

Da sind zunächst die erwähnten, aus Sicht der Außerirdischen nur eingeschränkt zielführenden Kollateralschäden. Sie können sich allemal sehen lassen: Riesige Feuerwalzen rasen über die Weltmeere und lassen Mann und Maus in den Fluten untergehen, die Alien-Apokalypse macht auch vor Metropolen wie London nicht halt, Big Ben, Tower Bridge und Riesenrad – alles versinkt in Schutt und Asche.

In bewährter Weise werfen die Raumschiffe der Invasoren ihre tödlichen Schatten auf das Erdenrund und versetzen die Menschheit in Angst und Schrecken. Mit anderen Worten, das intergalaktische Terror-Regime bietet ein Fest für die Augen, die Produktionskosten des Films, umgerechnet 180 Millionen Euro, sind in dem gigantischen Zerstörungswerk bestens angelegt.

Hinter dem ästhetischen Blendwerk verschwindet allerdings die Sinnfrage. Die außerirdischen Terminatoren töten zwar en masse, aber die Menschheit kommt in großen Scharen immer noch davon und leistet sogar Widerstand. Warum ist das so?! Emmerich gibt erst einmal die Erklärung, dass wir uns 1996 nach dem ersten, erfolgreich abgewehrten Überfall der Aliens zu einer grundguten, unverbrüchlichen, schlagkräftigen Welt- und Friedensgemeinschaft zusammengeschlossen und aus den liegengebliebenen Raumschiffen der Außerirdischen ein ansehnliches High-Tech-Arsenal zusammengeklaubt haben, weswegen wir jetzt über ein planetarisches, bis zum Mond reichendes Verteidigungssystem mit einem ganz ordentlichen Anti-Alien-Wumms verfügen.

Nun gut, die Menschheit hat also den alienesken Elektroschrott nutzbringend recycelt. Bedauerlicherweise betätigt sich auch Emmerich als Recycler und scheint dabei unter anderem Gefallen an George Lucas’ „Star Wars“-Saga gefunden zu haben: So gibt es bei ihm einen Droiden, der wie R2D2 oder BB-8 seine rettenden Informationen als Hologramm in den Raum projiziert; Kampfflieger stürzen sich wie Sternenjäger mit ihren fiependen Laserkanonen ins aufwendig choreografierte Getümmel; das knapp 5000 Kilometer lange, megatödliche Mutterraumschiff der Außerirdischen stellt eine Riesenversion des Todessterns dar, auch dass man nach einem halsbrecherischen Tiefflug versucht, mit einer Bombenladung in sein Inneres zu dringen, um es zu vernichten, ist seit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983) ein bekanntes Verfahren…

Offenbar sind Emmerich bei seinem sich selbst übertreffenden Gigantismus die Ideen ausgegangen. Unfreiwillig komisch wird das spätestens beim Auftritt der Alien-Queen, ihre schleimige Erscheinung, ihr grässliches Gebiss und ihre tückischen Tentakeln erinnern überdeutlich an die Monsterbratze aus Ridley Scotts „Alien“ (1979). Doch folgt ihr Auftritt einem höheren Zweck, denn mit ihr zieht Emmerich in seiner ziellos dahinschlitternden Weltvernichtungsorgie die dramaturgische Reißleine.

Weil die Königin ein sozial rückständiges, da feudal-aggressives Gemeinwesen repräsentiert, verwandelt sich das Spektakel zur ideologischen Systemfrage: Was ist besser – unsere freiheitlich-demokratische Werteordnung oder deren kriegerisch-absolutistischer Ameisenstaat? Schwuppdiwupp, schon steht der Sieger fest, nicht zuletzt auch deswegen, weil so eine Königin den Schlachtplan enorm vereinfacht: Man muss nur sie töten, um ihr Reich mitsamt der mordenden Soldateska zu zerstören. Das übernimmt die bereits im Vorgängerfilm bewährte Truppe, allen voran Jeff Goldblum als fahriger Wissenschaftler und Bill Pullmann als kerniger US-Präsident.

Leider fehlt Will Smith als charismatischer Kampfpilot – er hatte seine Mitwirkung an dem Alien-Quark schon vor Jahren ausgeschlossen, weil er um seinen guten Ruf fürchtete. Aber selbst er hätte keine Chance gegen den eigentlichen Hauptakteur des Films gehabt: Emmerichs sinnentleerten Vernichtungsfuror.

Wer, bitteschön, benötigt heute eigentlich noch Aliens, um sich zu fürchten?

Independence Day: Wiederkehr. USA 2016. Regie: Roland Emmerich. 121 Minuten.

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