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„In My Room“ Das große Verschwinden

Ulrich Köhlers philosophisches Endzeitdrama „In My Room“ entschädigt in Cannes in der Nebenreihe „Un Certain Regard“ für manche Wettbewerbsenttäuschung.

Cannes
Hans Löw als (fast) einziger Überlebender einer Katastrophe, die bei ihm ungeahnte Talente freisetzt. Foto: Cannes Filmfestival

Das Verschwinden der Menschheit, das große Thema endzeitlicher Genrefilme, hat nun auch die Berliner Schule erreicht. In Ulrich Köhlers Drama „In My Room“, das am Donnerstag im Wettbewerb „Un Certain Regard“ in Cannes Premiere hatte, kommt es auf leisen Sohlen. 
Ein von Hans Löw gespielter Kameramann hat beim Sammeln von Politikerstatements das Aus- mit dem Anschalten verwechselt. Hier in Cannes wird dieser Supergau eines Medienmenschen natürlich schnell verstanden. Er lässt sich schon aus den ersten Filmbildern rückschließen, bei denen sich eine Wackelkamera den Weg zu illustren Bundespolitikern bahnt, die sich erst die Haare richten, dann aber ihre begehrten Statements schuldig bleiben. Der Verlust eines Einzeilers von Karl Lauterbach oder Sarah Wagenknecht wäre natürlich in aller Regel zu verschmerzen. 

Auch für den nicht mehr ganz jungen Protagonisten ist es eher eine der kleineren Katastrophen. Eine Discoeroberung ergreift am selben Abend kurz vor dem Sex die Flucht, weil er sie seine Zahnbürste nicht benutzen lässt und ihr ein frisches Exemplar anbietet. Bald darauf verliert er mit dem Tod seiner schwerkranken Oma seine offenbar einzige wirkliche Bezugsperson in der Familie. Und dann, am nächsten Morgen, sind plötzlich auch alle Lebenden buchstäblich von der Bildfläche verschwunden. Nur die Tiere haben dem großen Verschwinden getrotzt, eine mitteleuropäische Robinsonade beginnt. 

Man könnte alle bisherigen Filme Köhlers, „Bungalow“, „Montag kommen die Fenster“ und „Schlafkrankheit“, unter dem Thema Lebensräume zusammenfassen: Wie weit bestimmt das Vertraute oder sein Verlust unsere Selbstfindung? Wie in einem Bilderbuch erlebt man zunächst die verspätete Menschwerdung eines Mannes, der sich vom Steinzeitleben aus Schritt für Schritt seine vertraute Zivilisation aufs Neue erschafft. Vom handgepflügten Acker über die Wassermühle bis zur wieder funktionierenden Bohrmaschine. Das ist keine Kreativität, aber die Krise setzt ein Talent zur Nachschöpfung frei. 

Der Spielort des titelgebenden Beach-Boys-Songs „In My Room“ erklärt sich zusehends als Metapher des in der deutschen Politik derzeit so überstrapazierten Heimatbegriffs. Der Einsiedler denkt gar nicht daran, in eine leere Luxuswohnung im verwaisten Berlin zu ziehen. Lieber ist er der einsame König des Lebensraums seiner Kindheit. Als er nach einem Unfall von einer überraschend auftauchenden zweiten und noch dazu weiblichen Überlebenden der menschlichen Rasse gerettet wird, scheinen auch die letzten verlorengeglaubten bürgerlichen Ideale wiederherstellbar. Doch so einfach lässt sich die Moderne dann doch nicht außer Kraft setzen.

Man hatte viel erhofft von Köhlers Film, dem vielleicht nur das bescheidene Setting den Weg in den großen Wettbewerb versperrte – und wurde nicht enttäuscht. Leichthändig rührt der Filmemacher in der ersten Viertelstunde alle Zutaten eines geistreichen Dialogfilms zusammen, nur um das Zubereitete sogleich für obsolet zu erklären. Nach den stummen Szenen des Mittelteils erlaubt im folgenden Beziehungsdrama eine Sprachbarriere den Dialog weiterhin auf einem Minimum zu halten. Das Ergebnis ist ein bildkräftiges Kino von klassischer Präzision, leicht und zugleich formvollendet.

Auch im Hauptwettbewerb scheinen die Vorzüge der klassischen Kinomoderne hier und da zurückzukehren. Nach Alice Rohrwachers noch immer unübertroffenem Palmenfavoriten „Lazzaro Felice“ erweckte auch der zweite italienische Beitrag „Dogman“ den Neorealismus zu neuem Leben. Die fragile Heldenfigur eines sensiblen Hundezüchters (Marcello Fonte) und ihr Abhängigkeitsverhältnis zu einem gewalttätigen Boxer erinnern in ihrer poetischen Überhöhung an den frühen Fellini. Das zeitlos-archetypische Setting eines italienischen Vororts gibt der einfachen, aus den geradlinigen Figuren entwickelten Geschichte einen Rahmen von deutlichem Pathos. Wenn das Schlussbild gar Chaplins „Zirkus“ nachkomponiert ist, wundert man sich darüber nicht mehr. Auch das Gute, dessen etwas zu viel getan wurde, ist ja deshalb noch nichts Schlechtes. Aber im Vergleich ist Rohrwachers poetischer Realismus bei „Lazzaro Felice“ doch ungleich reicher und empfindsamer. Glücklich, wie diese Regisseurin die Kunst findet, ohne sichtlich danach zu suchen.

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