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„In den Gängen“ Die Sinfonie des Großmarkts

Eine Liebesgeschichte von eigener Art: Thomas Stubers Film „In den Gängen“.

Szene aus „In den Gängen“
Christian (Franz Rogowski) und Marion (Sandra Hüller) haben einiges hinter sich – und wagen zusammen Neues. Foto: Sommerhaus

Als Christian es an seinem neuen Arbeitsplatz zum ersten Mal mit der Ameise zu tun bekommt, nähert er sich diesem Ungetüm aus Eisen und Hydraulik wie einem lebendigen Wesen. Neugierig, aber auch etwas ängstlich, geht er auf den gelben Hubwagen mit dem langen Hals zu. Mit Blicken sichert er sich nach allen Seiten ab, ehe er das Gerät betastet, befühlt und sich dann endlich traut, an einem Hebel zu ziehen. Plötzlich macht das störrische Ding einen Satz nach vorn und Christian bekommt einen Riesenschreck, was ihn jedoch nicht von einem weiteren Annäherungsversuch abhält. Es sind Szenen wie diese, für die Franz Rogowski vor drei Wochen als bester Schauspieler mit dem Deutschen Filmpreis geehrt wurde. Und es gibt wohl niemanden, der ihm das nicht gegönnt hätte. 

In Thomas Stubers wunderbarem Film „In den Gängen“ spielt Franz Rogowski einen jungen Mann, der dem Publikum in einem Moment diffuser Unsicherheit gegenübertritt. Etwas, von dem nur er weiß, was es war, liegt hinter ihm, etwas Neues beginnt. Es ist Christians erster Arbeitstag in einem Großmarkt, irgendwo am Rande einer Autobahn in der sächsischen Provinz. Als Zuschauer wird man gemeinsam mit ihm, dem Frischling, in diese Welt der choreographierten Abläufe eingeführt. In der Ouvertüre zu den Klängen des Donauwalzers fährt die Kamera einem Gabelstapler folgend in gleitenden Bewegungen durch die „heiligen Hallen“, wie der öde Zweckbau von den Leuten dort nicht nur ironisch genannt wird. Die immergleichen Handgriffe, die vertrauten Verrichtungen haben etwas Liturgisches. Den blauen Kittel überstreifen, die Kugelschreiber in der Brusttasche sortieren, die Ärmel über die Tattoos ziehen, die der Kunde nicht gern sieht, all das wird sich für Christian täglich wiederholen, es wird seinem Leben Struktur geben. 

Doch Struktur ist nicht alles. Das erfährt Christian, als sein Blick durch die Regale mit den Getränkekästen auf Marion (Sandra Hüller) fällt. Die Marion von den Süßwaren, wie ihm Kollege Bruno (Peter Kurth) später erklären wird, ist eine Gute. Aber sie hat einen schlechten Mann. Punkt. Mehr gibt’s nicht zu sagen. Es ist der Beginn einer der schönsten und wahrhaft merkwürdigsten Liebesgeschichten der jüngsten Kinozeit, so still, so zart, so komisch, so traurig. 
Nach dem Kurzfilm „Von Hunden und Pferden“ und dem Boxerdrama „Herbert“ adaptiert der Leipziger Regisseur Thomas Stuber zum dritten Mal eine Geschichte des aus Halle stammenden Autors Clemens Meyer. „In den Gängen“ basiert auf einer Erzählung von 25 Seiten, aus denen ein gut zweistündiger Film wurde, dessen pointiertes Drehbuch nicht zuletzt von Auslassungen lebt. Die Zuschauer erfahren einiges von Christian, Marion und Bruno, aber nicht alles, weil sie in diesem Film eben keine Figuren sind, sondern Menschen, die ihre Hoffnungen genauso vor Fragen beschützen dürfen wie ihre Nöte. Bei aller Einsamkeit, allem Stolz, bei all der Verzweiflung, Verwundbarkeit, ja Liebe, die sie umgibt, ein Rest von Fassungslosigkeit bleibt immer. Da hilft auch Reden nichts. In der ersten halben Stunde des Films spricht Franz Rogowski genau zwei Worte: „Christian“ und „ja“. 

Die genaue Sprache trifft sich in Stubers Inszenierung mit einer durchdachten Optik, für die Peter Matjasko an der Kamera höchstes Lob verdient. Wie die horizontalen und vertikalen Fahrten der Gabelstapler in den Gängen immer wieder in ein dynamisches Bewegungsbild von Höhe und Tiefe fließen, zeugt neben erzählerischer eben auch von gestalterischer Ambition. So wurde der Film nicht in Breitwand gedreht, sondern in dem älteren Kinoformat 1:1,66, dessen Guckkasteneffekt die poetische Dimension dieser Geschichte betont.

Das ist kein Arbeiterfilm, auch wenn er von arbeitenden Menschen handelt. Es ist eine Betrachtung über Glück, das sich im Unglück findet, wenn man nur die Augen öffnet – und sein Herz. Es ist ein Film über die Angst vor Enttäuschung und den Mut, trotzdem den Schritt aus sich heraus zu wagen. Es ist ein Film, der tief im deutschen Osten verwurzelt ist und auch in Vancouver oder Wladiwostok spielen könnte. 

Stuber und Meyer gehen in ihrem Film einem Gefühl auf den Grund, das vom Wunsch nach Zugehörigkeit beseelt ist. Dreimal blickt der Film kurz dorthin, wo Christian, Marion und Bruno zu Hause sind, wie man so sagt. Es ist auf jede Weise trostlos. Sie leben in den Gängen.

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