Lade Inhalte...

Im Schatten von Thomas Arslan Wege in der Schöneberger Wildnis

Thomas Arslan hat einen stimmungsvollen „film noir“ im modernen Berlin gedreht: „Im Schatten“. Der Film funktioniert auf allen Ebenen, als Thriller wie als Kunstfilm und als Städteporträt. Und das ist eine ganze Menge.

Die „Berliner Schule“ ist auf internationalen Filmfestivals ein Markenzeichen, in Deutschland spielt der Begriff kaum eine Rolle. Das mag daran liegen, der Jahrestag der Einheit machte es noch einmal deutlich, dass auch Berlin den übrigen Deutschen etwas weniger zu bedeuten scheint als der übrigen Welt. Man ist weit davon entfernt, an der Hauptstadt eine nationale Befindlichkeit abzulesen, wie es aus der Außenperspektive geschieht. Da mag Rom das Italienische repräsentieren, London das moderne England. Und Berlin das Berlinerische.

Auch Thomas Arslans Berlinfilme wollten kaum nationale Befindlichkeiten abbilden, aber diesen Mehrwert generierten sie trotzdem. Etwa in seinen Kreuzberger Filmen über heranwachsende Deutschtürken. „Der schöne Tag“ zum Beispiel schneidet eine winzige Scheibe heraus aus dem Leben einer jungen Frau, die eins ist mit ihrer Stadt, ihren Wegen, den U-Bahnen. So verschmelzen Vorder- und Hintergrund zu einer beglückenden Selbstverständlichkeit.

Auch „Im Schatten“ ist ein Berlinfilm, zunächst einmal aber ist er ein Genrefilm. So wie Christian Petzold in „Jerichow“ die Struktur des Klassikers „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ in den deutschen Osten versetzte, bedient sich Arslan bei einem Grundmuster des Gangsterfilms. Ein Haftentlassener (Mi?el Mati?evi?) möchte an die abgerissene Zeit anknüpfen. Er besucht seinen ehemaligen Komplizen, den er nicht verpfiffen hat, doch herzlich aufgenommen wird er nicht. So zahlt er sich selber aus mit allem, was er dort findet: etwas Geld und einer Waffe.

Das ist ein Anfang wie bei Melville („Vier im roten Kreis“), und wenn später die Treulosigkeit der früheren Gefährten das wackelige moralische System des Gangsters zum Einsturz bringt, kann man an „Point Break“ mit Lee Marvin denken. Doch das ist lediglich das Sujet, der Gegenstand.

Das Bild, das Thomas Arslan davon malt, ist ein ganz anderes. Wie in seinen früheren Filmen interessieren ihn die Wege zu einer Aktion mehr als die eigentliche Handlung. Es werden viele Autos bewegt, und Berlin ist auf einmal so groß wie Los Angeles. Wenn man etwas nicht ganz ernst nehmen kann an diesem Film, dann ist es sein fetischisierendes Verhältnis zum Automobil.

Ein zentraler Schauplatz ist eine Autowerkstatt in der Wildnis des Industriegebiets von Schöneberg. Es ist ein mythisches Refugium inmitten der Metropole, wie es in Fritz Langs „Metropolis“ die Hütte des verrückten Wissenschaftlers Rotwang darstellte.

Indem Arslan reelle Orte aus dem gegenwärtigen Berlin zu Bedeutungsträgern des Genrekinos macht, schärft er den Blick für die urbane Ästhetik. Und verleiht vermeintlichen Unorten eine berückende Schönheit.

Sich in den Orten umzusehen, ist hier fast wichtiger, als dem Geschehen zu folgen. Die Figuren machen es uns vor. Ständig beobachten sie einander.

Der Einfluss eines Berliner Künstlers und Filmlehrers ist unübersehbar: Die „Berliner Schule“ ist ja vor allem eine Harun-Farocki-Schule. Aber der Film funktioniert auf allen Ebenen, als Thriller wie als Kunstfilm und als Städteporträt. Und das ist eine ganze Menge.

Im Schatten. D 2010. Regie: Thomas Arslan. 85 Min.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen