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Im Kino: „Wilde Maus“ „Ein entlassener Journalist ist ja realistisch“

Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader übernimmt in seinem neuen Film „Wilde Maus“ sowohl Hauptrolle als auch Regie. Im Interview analysiert er sein Debüt hinter der Kamera, den Kritikerberuf und den Prater.

Hader
Josef Hader, hier als Georg Endl, der als arbeitsloser Musikredakteur seine Deutungshoheit von einem Tag auf den anderen verloren hat. Foto: epd

Wer Josef Haders meisterhafte Darstellung als Stefan Zweig in Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ erlebt hat, erwartet sein Regiedebüt mit Spannung: Das tragikomische Sozialdrama „Wilde Maus“ schaffte es aus dem Stand heraus in den Wettbewerb der letzten Berlinale.

Österreichs bekanntester Kabarettist erlebte als Filmschauspieler bereits 1993 seinen großen Durchbruch in der Tragikomödie „Indien“. Die bitter-ironische Odyssee zweier Gastronomie-Inspizienten durch ein eher trübsinniges Niederösterreich mag man auch als persönlichen Heimatfilm verstehen: Aufgewachsen auf einem dortigen Bauernhof, genoss er eine streng katholische Erziehung im Stiftsgymnasium Melk. Später trat der heute 55-Jährige aus der Kirche aus, nicht ohne ihr doch dankbar zu sein. Schließlich habe er dort die ersten Linken kennengelernt.

In seiner ersten Regiearbeit spielt er selbst die Hauptrolle eines Musikkritikers, der von einem Tag auf den anderen seine Redakteursstelle verliert. Auf den Verlust seiner Deutungshoheit über den Wiener Klassik-Betrieb folgt ein innerer Werteverlust, dessen Achterbahnfahrt sich bis in den Filmtitel fortschreibt: „Wilde Maus“, dieser Kirmesklassiker, ist auch selbst im Film präsent.
Im Wiener Prater ist Haders Filmfigur einem früheren Mitschüler (Georg Friedrich) dabei behilflich, ein betagtes Exemplar wieder auf Hochglanz zu bringen. Doch dies ist alles andere als eine aufbauende Geschichte über die heilende Kraft des einfachen Vergnügens in der Lebenskrise eines Bildungsbürgers. Stärker als das gemeinsame Projekt mit dem von Georg Friedrich gespielten, ungleichen Partner bestimmt ein destruktives Element Haders gefallenen Helden. Auf immer drastischere Weise übt er Rache an dem jungen Chefredakteur, der ihn gefeuert hat.

 
Herr Hader, vielen Dank, es ist ja selten, einen Vertreter meines Berufsstandes, also einen Kritiker als Protagonisten eines Films zu sehen.
Ich wollte einen Journalisten nehmen, denn es ist ja realistisch, dass die entlassen werden. Ich wollte eine in unserer traurigen Zeit selbstverständliche Entlassung auf die Bühne stellen. Aber ein Kritiker für klassische Musik ist das nur, weil ich die Musik im Film haben wollte. Ich wollte nicht die Musik, die Emotionen verstärkt, weil ich das als Zuschauer wirklich nicht mag. Ich habe eine enge Beziehung zu klassischer Musik, und wollte dann eine wilde klassische Musik haben, wo auch der Barockfan anerkennend nickt, wenn Vivaldi den Scheitel zieht.
 
Weinen Sie denn den Kritikern Tränen nach?
Meine Beziehung zu Kritikern ist eine sehr lockere, denn als Kabarettist, was soll dir da passieren? Am Anfang, wenn man jung ist, freuen sich alle, dass sie einen entdecken können, später dass einem nichts mehr einfällt und am Ende schreiben sie dann nichts mehr. Ich bin auch nicht so abhängig von Kritikern, aber ansonsten sind sie halt Teil des Ganzen, und man darf sie auch nicht so ernst nehmen. Ich nehme mich selber ja auch nicht so ernst. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aber ich bemühe mich darum. Also Kritiker sind notwendig.
 
Und auch die eigentliche Titelheldin gehört einer sterbenden Zunft an, die wacklige Kirmesattraktion der „Wilden Maus“.
Die gewisse Gefährlichkeit von der Wilden Maus geht davon aus, dass sie überall schon ein bisschen baufälliger aussieht als andere Achterbahnen. Und dass sie nicht diese Schutzmöglichkeiten bietet. Man sollte nicht mit kleinen Kindern in die Wilde Maus gehen. Ich bin auch kein großer Praterfan, weil da wirklich die scheußlichste Musik gespielt wird, die’s gibt. Besonders schön, ist es da, einen Klassikfan dorthin zu schicken, wo die scheußlichste Musik gespielt wird. Ich hab mir als Drehbuchautor schon gedacht, ich möcht’s dem Regisseur, der ja ein Anfänger ist, schon im Drehbuch einfach machen, damit er später gescheit schneiden kann.

Wenn man heute den Prater besucht, bekommt man angesichts all dieser betagten Attraktionen direkt Torschlusspanik.
Ich hab im Prater gesucht nach einem Gerät, das schon in die Jahre gekommen ist. Der Prater hat mit Abstand die ältesten Geisterbahnen, die beziehen ihren Suspense darin, dass man Angst hat, dass die in sich zusammenfallen, wenn man in den zweiten Stock fährt, aber es ist ganz liebevoll. In der ältesten gibt es nur Geräusche, die akustisch erzeugt werden, kein Tonband. Die Glühbirnen sind ganz schwach. Du siehst den Schrecken schon gar nicht mehr.

In Österreich zieht man eine noch strengere Grenze zwischen dem Kunst- und dem Unterhaltungsfilm, den man dort negativ den Kabarettfilm nennt. Nun kommen Sie aus dem Kabarett, erkennt man denn Ihren Berlinale-Beitrag als Kunstwert an?
Die Arthouse-Filmer finden nicht, dass das Kunst ist. Die finden, das ist ein Dialogfilm. Das ist schon mal kein Kompliment. Dann sag ich: Was ist das anderes als ein Film-Film? Ich seh mich da als Verbinder zwischen den Welten, aber für meine Generation ist das noch stark getrennt. Das ist fast schon wie zwischen Kabarett und Comedy in Deutschland, also wir sind schon die oberflächliche Publikumsabteilung. In Wien neigt man zum Snobismus, etwas Arroganteres als die derzeitigen Wiener Rock- und Popkritiker gibt’s überhaupt nicht. Da kann jeder Klassikkritiker einpacken.
 
Etwas Verbindendes gibt es aber: Sowohl die österreichische Kunst als auch das Kabarett, wenigstens Ihres, muss häufig weh tun.
Es ist grundsätzlich. Der Österreicher leidet unter dem Minderwertigkeitskomplex, dass seinem kleinen Land übel mitgespielt wurde. Und er nie an etwas Schuld war. Ich persönlich finde diese Hassliebe sehr interessant. Für die Kunst ist so ein gespaltenes Verhältnis super. Ich finde, der französische Film leidet in letzter Zeit sehr darunter, dass er zu nichts ein gespaltenes Verhältnis hat. Und dass er alle Gegensätze immer vereinen will, der Behinderte und der Schwarze; der Rocker und der Großvater. Und ich kann’s schon nicht mehr sehen.
 
Werden Sie als nächstes wieder einen Film machen oder ein Bühnenprogramm?
Ich hab Lust auf ein neues Drehbuch, dann ich hab einige gravierende Fehler gemacht bei diesem Film, die ich beim nächsten Film nicht machen möchte.
 
Welche Fehler sind das denn?
Die Fehler kann ich gut benennen. In machen Szenen würde ich entschiedener reingehen und sehen, ob man die noch extremer machen könnte. Bei manchen Momenten hätte ich das Gefühl, dass ich sie noch hätte länger stehen lassen können. Nächstes Mal möchte ich die Schauspieler ermuntern, dass es mehr Möglichkeiten gibt, eine Szene zu spielen. Ich habe oft zehn Takes gedreht, aber sie waren zu ähnlich.
 
Und was ist Ihnen gelungen?
Der Film schildert einen Mittelstand, der unentschieden ist, der seine eigenen Gefühle vielleicht konsumiert aber das sind oft gar keine echten Gefühle. Und er schildert Menschen, die unentschieden sind und oft lächerlich. Und die Grundthese zu diesem Milieu, zu dem viele von uns gehören, das sind diese Innenstadtbewohner die sich sehr politisch finden und den richtigen Fisch essen, ist die, dass das genauso unpolitische, unentschlossene Säcke sind wie ihre Eltern, sich aber viel hipper dabei vorkommen. Er erzählt auch, dass das Menschen sind, die zu einer gewissen Dramatik nicht fähig sind. Das kann man mögen oder nicht, aber so ist es auf alle Fälle. Die Absicht ist nicht, was der österreichische Film gerne macht, Szenen auf dramatische Weise so sehr voran zu treiben, dass man an einen möglichst extremen Punkt kommt. Das möchte er nicht. Er möchte in einem leichten Rhythmus böse Dinge erzählen. Ob er das erreicht hat, kann ich auch nicht sagen.
 
Herr Hader, jetzt haben Sie mit Ihrer treffenden Analyse den Kritiker ja doch noch beinahe überflüssig gemacht.

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