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„I, Tonya“ Eiseskalt

Das Biopic „I, Tonya“ ist ein bitter-vielschichtiger Film über Sport und Missbrauch.

"I, Tonya"
Einsamer Mittelpunkt in einem Zirkus, in dessen Zentrum die Verzerrung der Wahrheit eine Rolle spielt. Foto: epd

Seit es das amerikanische Kino gibt, erzählt es vom Amerikanischen Traum. Es erzählt vom kleinen Tramp, der als Goldgräber zum Millionär wird und von anderen ehrgeizigen jungen Männern, die lieber als mordende Gangster ihr Glück suchen. Im Sportfilm treffen diese beiden Linien gerne aufeinander. Sportliche und moralische Siege sind hier oft zweierlei, Rocky Balboa kann ein Lied davon singen.

In den frühen 90er Jahren verfolgte nicht nur die amerikanische Öffentlichkeit Tonya Hardings Karriere wie einen Rocky-Film. Da war der Underdog aus ärmlichen Verhältnissen in Portland, Oregon, der es durch sportlichen Ehrgeiz 1991 bis zur US-Meisterin im Eiskunstlauf brachte. Drei Jahre später nannte die Boulevardpresse Harding dann nur noch die „Eishexe“. Ihr erster Ehemann Jeff Gillooly hatte ein Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan in Auftrag gegeben, der mit einer Eisenstange während der US-Meisterschaften das Knie gebrochen wurde. Harding gewann, verlor den Titel jedoch wieder, als ihr Mann überführt wurde. Eine Komplizen- oder auch nur Mitwisserschaft konnte man Harding zwar nicht nachweisen, dennoch wurde sie wegen Behinderung der Justiz verurteilt und lebenslang gesperrt. Die breite Öffentlichkeit hatte ihr Urteil indes bereits vorher gesprochen.

Was für ein Drama; sogar eine Oper wurde darüber geschrieben. Erstaunlich, dass es mehr als zwei Jahrzehnte dauerte, bis dieser Spielfilm entstand. Doch wer sich „I, Tonya“ wie eine Seifenoper vorstellt, nur weil sich ihr Leben wie eine Seifenoper entwickelte, liegt gänzlich falsch. Regisseur Craig Gillespie und Autor Steven Rogers haben aus einer bekannten Geschichte einen als andere als vorhersehbaren Film gemacht. Von Anfang an reflektiert er die mediale Perspektive.

In Interviews, die wir zunächst für authentisch halten, so genau treffen die Darsteller ihre Rollenvorbilder, zeigen sich die Figuren in professioneller Abgeklärtheit. Die von Margot Robbie angemessen schillernd gespielte Harding und ihre von Allison Janney Oscar-gekrönt verkörperte Mutter haben in ihrem Leben unzählige Interviews gegeben. Die einzige echte Interviewäußerung der gealterten Harding im Film aber hat es in sich: Sie sei in ihrem Leben früh missbraucht worden, von ihrer Mutter, ihrem Mann, doch von niemandem so sehr wie von der Öffentlichkeit.

Dennoch wäre es zu einfach, sich Hardings Opferperspektive zu eigen zu machen. So deutlich hier die sadistischen Anwandlungen ihrer Mutter nachgezeichnet werden, die schon die Vierjährige brutal auf das Eis quälte und später die Jugendliche mit einem Messer bewarf – ein Rest an Unaufklärbarkeit bleibt. Es ist überaus nachvollziehbar, wie sich Harding unter den andauernden Misshandlungen ihres Mannes zu wehren lernt – aber auch immer wieder resigniert und Dinge einfach geschehen lässt. Was wird sie wirklich mitbekommen haben von den Anschlagspänen?

Der Film, der mit Harding mehr als wohlwollend, ja liebevoll umgeht, legt sich hier nicht fest. Tatsächlich räumte die Ex-Sportlerin erst im vergangenen Januar, nach dem amerikanischen Kinostart, ein, doch Gesprächsfetzen über das geplante Attentat vernommen zu haben.
Das Interessanteste an diesem Film aber ist seine kritische Zeichnung der amerikanischen Sportwelt, die Harding trotz ihrer Höchstleistungen als „misfit“, als nicht gesellschaftsfähig betrachtete. Der soziale Aufstieg, wie ihn die Sportwelt verspricht, erweist sich als Lüge. Das Gegenteil ist der Fall: Man will nichts mit Abkömmlingen der Unterschicht zu tun haben.

Die von der Mutter geschneiderten Kostüme, eine an der Hitparade orientierte Musikauswahl – den Soundtrack des ganzen Films prägt der herrlich grenzwertige Softrock-Pomp von Supertramp oder Chicago – und ihr resolutes Auftreten waren nicht akzeptabel. Offen erklärt man Harding, der Eiskunstlauf habe die Werte der amerikanischen Familie zu vermitteln. „Was kann ich denn dafür, dass ich nicht aus so einer Familie komme?“ entgegnet die Ausgegrenzte.

Der Film der Stunde

Hier steht „I, Tonya“ in der langen US-Tradition kritischer Sportfilme wie etwa Michael Ritchies „Schussfahrt“ mit Robert Redford oder Bennett Millers großartiger Baseball-Wirtschaftskrimi „Moneyball“. Der Eiskunstlauf mit seinem unaufgelösten Widerspruch zwischen Athletik und Kunstgewerbe war hier schon lange einmal fällig. Die Sportszenen selbst sind meisterlich und lassen die nötigen Umschnitte zwischen Margot Robbie und Stunt-Doubles unbemerkt. Immer neue athletische Spitzenleistungen waren in Hardings Karriere nötig, um ihren Außenseiterstatus wenigstens für Momente zu überwinden; so war sie die erste Frau der Welt, die zwei dreifache Axelsprünge in einer Kür stand.

Die Not, im Sport Fakten zu schaffen, um die offensichtliche Ablehnung der Jurys zu brechen, kontrastiert später mit dem Kriminalfall. All dies fächert Gillespies Film in immer wieder überraschenden Perspektiven auf. Lediglich einige ironische Brechungen in den inszenierten Interviews wirken entbehrlich.

Man hätte das traurige Leben der Tonya Harding noch lange weiter erzählen können. Von einem Amateurporno, den ihr Ehemann in Umlauf brachte über traurige Versuche, im Wrestling oder Eishockey Fuß zu fassen bis hin zu Moderationen im Trash-TV und dem Versuch einer Gesangskarriere. Doch die Zeitspanne, auf die sich dieser Film beschränkt, reicht völlig aus, um das mediale Bild Tonya Hardings neu zu zeichnen.  In einer Zeit, in der Missbrauch auch im Eiskunstlauf endlich zum Thema wird, ist es der Film der Stunde. Hollywood braucht nicht länger nach seinem passenden Beitrag zur #MeToo-Debatte zu suchen. „I, Tonya“ sagt darüber eine Menge.

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