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Holocaust Flucht vor den verhassten Nazis

Die Holocaust-Überlebende Fanny Ben-Ami über ihre filmreife Flucht 1943 in die sichere Schweiz, bei der sie als 13-Jährige 28 andere jüdische Kinder rettete. Ihre Geschichte erscheint nun auf DVD.

Fanny
Fanny Ben-Ami (Mitte) alias Léonie Souchaud im Film von Regisseurin Lola Doillon. Foto: Nicolas Schul

Frau Ben-Ami, die Verfilmung Ihrer Fluchtgeschichte mutet nahezu unglaublich an. Wie viel Film-Beigabe steckt in „Fannys Reise“?
Im Film sehe ich mich und meine Geschichte. Es ist wirklich alles so passiert, auch wenn die Regisseurin im Film ein paar Dinge vereinfacht hat. Aber ja, ich habe die Kinder sicher in die Schweiz gebracht. Und wir waren nicht nur 14 Kinder, sondern sogar 29. Aber so viele kann man in 90 Minuten natürlich nicht so porträtieren, dass sie auch alle greifbar werden. 

Damit war auch Ihre Verantwortung 1943 größer als im Film. Dabei scheut schon die Film-Fanny an einer entscheidenden Stelle die Verantwortung für die anderen Kinder. Wie war das bei Ihnen?
Ich habe mir immer gesagt: Ihr kriegt mich nicht. Auch als die Nazis am Ende im Grenzstreifen zwischen dem besetzten Paris und der Schweiz auf mich schossen, als ich nochmal zurückgerannt bin, um das kleine Mädchen zu retten, das uns Größeren nicht hinterherkam. Und mit meiner Überzeugung, durchzukommen, habe ich die anderen Kinder mitgenommen und die Verantwortung übernommen. Der Küchenjunge Eli war ja eigentlich der Älteste, aber als er im Zug die Nazis gesehen hat, hat er Angst bekommen und ist davongerannt. Dann habe ich die Zugtickets genommen und gesagt: „Folgt mir, wenn ihr nicht mitkommt, seid ihr tot.“

Hatten Sie gar keine Angst?
Vor den Nazis? Ich habe sie gehasst, das hat mich davon abgelenkt, sie zu fürchten. Richtig Angst hatte ich, als die Kinder krank wurden, weil sie vor lauter Hunger auf der Flucht von wilden Sträuchern gegessen haben. Ich hatte Angst, dass sie sterben würden – aber nicht wegen der Nazis. 

Das klingt, als seien Sie in Wirklichkeit sogar mutiger gewesen, als der Film erahnen lässt.
Vielleicht. Aber der Film zeigt ja auch lediglich einen Ausschnitt meines Lebens. Ich bin zu Hause selbstständig aufgewachsen und war immer für meine Schwestern verantwortlich. Vielleicht habe ich mich daher in der Lage gefühlt, auch für die anderen Kinder Verantwortung zu übernehmen. Sie haben ja auch mitgekriegt, wie ich mich im Heim um meine beiden Schwestern gekümmert habe. Wie eine kleine Mutter, haben sie später gesagt. So wollten dann auch die anderen, dass ich mich um sie kümmere. Sie sind immer zu mir gekommen und haben mir ihr Herz ausgeschüttet. 

Haben Sie zu diesem Zeitpunkt im Heim gewusst, warum Ihre eigene Mutter Sie in ein Waisenhaus für inkognito untergebrachte jüdische Kinder gab?
Wir wussten erst nicht, dass wir versteckt sind. Man hat uns gesagt, wir kommen in ein Heim, da ist es schön, wir leben zusammen mit anderen jüdischen Kindern. Aber dann war im Heim nicht mehr viel mit jüdischem Leben, wir mussten unsere Religion ablegen, um nicht aufzufallen. Dann blieben auch die Briefe von zu Hause aus und wir begriffen, dass es um unser Jüdischsein geht. Im Film sagt Georgette: „Dann hören wir doch auf, Juden zu sein, wenn es so gefährlich ist.“ Das hat sie auch damals gesagt. 

Es gibt auch die Szene, in der Sie einen Jungen schlagen, als er vehement sagt, er sei Katholik.
Ja. Das ist auch so passiert. Da sind mir die Nerven durchgegangen. Aber es ist ihm ja so eingebläut worden, weil er zuvor in einem katholischen Heim versteckt gewesen war, ehe er zu uns gekommen ist. Dort wurde ihm zu seiner eigenen Sicherheit beigebracht, zu sagen, er sei Katholik. Ich habe in dem Moment aber geglaubt, er verrate seine Religion. Später habe ich ihm gesagt, er soll mit einem anderen Jungen auf die Toilette gehen und schauen, ob sie beide beschnitten sind, dann wisse er, was er sei. Irgendwann kam er dann zu mir und hat mir ins Ohr geflüstert: „Fanny, ich bin Jude.“

Im Film sprechen die Kinder auch über die Nazis als „Monster“.
Ja. Wir Kinder konnten es uns nicht anders erklären, als dass es Monster sein mussten, vor denen wir da flohen. Wir haben nichts gestohlen, wir haben niemanden ermordet, wir haben vielleicht mal Albernheiten gemacht – aber das macht jedes Kind. Also mussten es Monster sein, die einfach immer böse sind, aber keine Menschen. Das ist die Logik von Kindern, aber vielleicht bei den Nazis ja gar nicht so falsch. Und ich sage bewusst Nazis, nicht Deutsche, weil wir auf der Flucht auch auf viele trafen, die keine Nazis waren.

Das war vielleicht Ihr Glück, sonst wäre Ihre Flucht womöglich anders ausgegangen...
Die Leute sagen oft zu mir, dass ich Glück hatte, dass wir auf der Flucht auf Menschen gestoßen sind, die uns unterstützt statt verraten haben. Ja, das mag sein, aber ich habe mir das Glück auch geholt. Ich habe nicht darauf gewartet, dass es zu mir kommt.

Inwiefern?
Weil ich an vielen Stellen die Initiative ergriffen habe. Zum Beispiel, als unser Zug nicht mehr weiter konnte, weil die Brücke zerbombt war. Der Schaffner hatte uns eine alternative Route über Lyon vorgeschlagen – aber ich wusste, dass Lyon voller Nazis war. Also sind wir als blinde Passagiere in einem Güterzug gefahren, der nicht über Lyon fuhr.

Sie sind nach dem Krieg nach Israel gezogen, obwohl Sie eigentlich wieder in Paris leben wollten.
Ja, ich hatte meine Schwester besucht, die schon vorher dort lebte. Ich war erstaunt, dass dort alle so offen Hebräisch sprachen und frei als Juden lebten. Das war in Europa noch lange nach dem Krieg nicht selbstverständlich.

Von da aus ließe sich leicht eine Brücke zu heute schlagen ...
Antisemitismus gibt es immer noch, nicht nur in Deutschland. Der Film ist ein Beitrag dagegen. Er wurde schon in vielen Ländern in Schulklassen gezeigt und ich bekomme viel Post. Ein syrischer Junge aus einem Flüchtlingsheim in Italien hat mir ein Bild gemalt, mit mir und ihm auf einem Berg, darunter steht „La Syrie. Fanny, I love you“. Die Kinder verstehen es, aber nicht die Großen...

„Die Großen“ hetzen heute sogar zuweilen gegen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ...
Aber es sind doch Kinder! Wenn sie falsche Ansichten haben, dann weil sie es so gelernt haben. Aber dann sind sie sogar zweimal Opfer – von Krieg und falschen Ansichten. Aber es bleiben Kinder, denen man helfen muss.

Interview: Simon Berninger

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