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Hollywood-Regisseur Roland Emmerich "Die werden mir die Hölle heiß machen"

Der deutsche Hollywood-Regisseur Roland Emmerich spricht im FR-Interview über die Debatte um seinen neuen Shakespeare-Film, grüne Schwaben und Atomkraft in den USA.

11.09.2011 16:50
Regisseur Roland Emmerich. Foto: dapd

Wenn Roland Emmerich spricht, hört man, dass er seit mehr als 20 Jahren in Hollywood lebt. Der „Spielbergle aus Stuttgart-Sindelfingen“, wie ihn Kritiker früher nannten, redet oft in einer Mischung aus schwäbischem Singsang und breitestem amerikanischen Slang. Da sitzt er dann in der Dachgeschoss-Suite des Soho House in Berlin, ein jugendlich wirkender Mann mit grauen Haaren, in Anzug und Turnschuhen. Und manchmal sagt er Sätze wie diesen: „Wissen Sie, ich finde das totally entertaining.“ Kurioserweise wirkt das bei ihm nicht affektiert, eher wie der Ausdruck eines Way Of Life. So spricht einer, der in zwei Welten lebt, meist in den USA, aber in seinem Kopf ist er immer auch noch in Stuttgart zu Hause.

Wann immer der „Master of Disaster“ auf der Leinwand die USA oder gleich die ganze Welt untergehen ließ, inszenierte er die Apokalypse mit bombastischen, am Computer generierten Spezial-Effekten. Den Zuschauern stockte der Atem, die Kritiker maulten. Mit seinem neuen Film „Anonymous“ hat sich Emmerich nun umorientiert. Sein letzter Blockbuster „2012“ kostete noch 260 Millionen US-Dollar. Für seine in den Babelsberger Filmstudios verfilmte Geschichte über den wahren Autor hinter den Werken Shakespeares, hatte er ein vergleichsweise kleines Budget von 30 Millionen Dollar zur Verfügung.

Herr Emmerich, in Ihrer Geburtsstadt Stuttgart regiert inzwischen der erste grüne Ministerpräsident Baden-Württembergs. Sie leben in Los Angeles, haben sich in einem Interview mal als grüner Briefwähler aus Hollywood geoutet …

Das stimmt, ja.

Haben Sie Winfried Kretschmann aus L.A. mitgewählt?

Nein. Das hatte einen einfachen Grund: Seit meine Mutter gelesen hat, dass ich die Grünen wähle, schickt sie mir die Briefwahl-Unterlagen nicht mehr in die USA. Sie regt sich immer so darüber auf, dass ich grün wähle.

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Waren Sie überrascht, dass ein Grüner in der CDU-Bastion Baden-Württemberg an die Macht kam?

Ich kann gut nachvollziehen, wie es dazu gekommen ist. Die Schwaben sind ja grundsätzlich sehr konservativ und auch starrköpfig. Aber wenn dann ein Projekt wie Stuttgart 21 die gesamte Bevölkerung vor den Kopf stößt, stehen die Schwaben alle auf. Dann kämpfen sie. Aber offen gestanden bin ich inzwischen mehr in die US-Politik involviert. Und hier stehen die Zeichen zurzeit ja auf Sturm. Es wird in diesem Land demnächst einen sehr harten Wahlkampf geben.

Ihr Kollege Wim Wenders verbringt auch viel Zeit in den Vereinigten Staaten, er ist inzwischen sogar der Demokratischen Partei beigetreten. Haben Sie das auch mal überlegt?

Ich bringe mich bei politischen Themen ein, bei denen es für mich am meisten Berührungen gibt. Ich mache beispielsweise Fundraising-Veranstaltungen für die Demokraten, ich hatte deswegen zweimal Hillary Clinton in meinem Haus. Dann unterstütze ich alle Aktionen, die die Rechte für Homosexuelle stärken. In dem Zusammenhang habe ich kürzlich ebenfalls ein großes Fundraising-Projekt unterstützt. Da kam Geld zusammen für eine Organisation, die sich für selbstmordgefährdete homosexuelle Kinder einsetzt. Inzwischen gibt es für sie eine Hotline, die man überall in den USA erreichen kann. Ein sehr wichtiges Projekt. Grundsätzlich will ich aber lieber nicht mit einer Partei verbunden werden.

Warum nicht?

Sehen Sie, die Demokraten in den USA sind sehr breit aufgestellt. Innerhalb dieser Partei kannst du einen sehr konservativen oder einen liberalen Politiker treffen, beide sind in der gleichen Partei. Wobei ich grundsätzlich natürlich die Ziele der Demokraten unterstütze. Aber ich bin erst wegen Obama Amerikaner geworden.

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Sie haben wegen Obama einen US-Pass beantragt?

Ja. Den deutschen habe ich natürlich auch noch.

Sie leben und arbeiten seit mehr als 20 Jahren in den USA. Warum haben Sie so lange gewartet, die US-Staatsbürgerschaft zu beantragen?

Zum einen wollte ich bei den kommenden US-Wahlen eine Stimme haben. Denn Obama wird jede Stimme nötig haben. Und dann wollte ich nicht unter Bush Amerikaner werden. Aber meine Schwester, die wie ich in den USA lebt und unsere gemeinsame Produktionsfirma leitet, sagte irgendwann: „Roland, ich muss Amerikanerin werden, aber ich mach das nicht ohne dich.“ Ich sagte nur: „Lass uns abwarten – wenn Obama gewählt wird, werden wir beide Amerikaner.“ Nach seinem Wahlsieg habe ich Obama getroffen. Der Boss eines Filmstudios hat uns zusammengebracht. Und er musste dem Präsidenten natürlich sofort erzählen, dass ich nur seinetwegen Amerikaner geworden bin.

War Ihnen das peinlich?

Ach was. Obama kam gleich auf mich zu, schüttelte mir die Hand und sagte „Thank you, Sir“.

Was haben Sie geantwortet?

„You’re welcome, Mr. President.“

Auch unter Obama wurde nicht alles besser. Trotz Fukushima setzen die USA weiter auf Atomkraftwerke, treten in Sachen Klimapolitik auf der Stelle. Ärgert das einen grünen Schwaben wie Sie, der in seinen Blockbustern immer wieder viel „German angst“ vor Klimakatastrophen oder Nuklearversuchen bombastisch inszeniert?

Sicher. Ich mache mich deshalb immer wieder über die Amerikaner lustig. Die Amerikaner sind so zurückgeblieben. Das platzt auch in Gesprächen mit US-Freunden oft aus mir heraus: „Ihr seid immer noch gegen die Ehe von Homosexuellen, haltet immer noch an der Atomenergie fest.“ Das ist für mich unfassbar.

Das regt Sie ganz schön auf.

Das regt mich deshalb so auf, weil die Amerikaner in der Vergangenheit doch oft diejenigen waren, die voranschritten, die Zukunftsvisionen hatten. Das ist heute überhaupt nicht mehr so.

Wie reagieren Ihre amerikanischen Freunde, wenn Sie ihnen so die Leviten lesen?

Es gibt dann heftige Debatten. Vor ein paar Wochen saß ich mit zwei, drei Studiobossen in Los Angeles an einem Tisch. Da haben wir nach Fukushima über die Gefahren der Atomkraft gesprochen. „Mensch, Ihr müsst endlich aussteigen“, habe ich ihnen gesagt. Allein in Kalifornien stehen zwei Atommeiler in einem extrem erdbebengefährdeten Gebiet. Das muss man sich mal vorstellen! Und dann sagen mir die beiden ganz ruhig ins Gesicht: „Unsere Atommeiler sind doch absolut erdbebensicher.“ Da bin ich dann jedes Mal wieder platt. Aber was passiert, wenn demnächst ein großes Erdbeben einsetzt, das viele Experten schon seit Jahren befürchten?

Lesen Sie im zweiten Teil, warum Roland Emmerich Shakespeare in seinem neuen Film vom Sockel stürzt.

Und was sagen die Amerikaner dann?

In solchen Momenten werden sie schon nachdenklich. Man muss dazu wissen, dass man in Hollywood ja nur Liberale trifft, die oft Mitglieder der Demokratischen Partei und im Prinzip sehr grün eingestellt sind. Im Prinzip. Aber wenn dann ein paar unbequeme Wahrheiten angesprochen werden, verteidigen sie immer gleich ihr Land. „Warum müsst Ihr in solchen Momenten immer gleich Euer Land verteidigen“, frage ich dann. Egal, ich liebe solche Debatten.

Wo wir gerade von Debatten reden – Sie haben mit Ihrem neuen Werk „Anonymous“ eine entfacht, obwohl der Film noch nicht mal in den Kinos zu sehen ist. Sie geben darin eine Antwort auf die viel diskutierte Frage, wer denn der wahre Autor von Shakespeares Werken ist. Bei Ihnen ist es der 17. Earl of Oxford, Edward de Vere, und nicht William Shakespeare aus Stratford. Bei einer Podiumsdiskussion der English Speaking Union wurden Sie für diese eindeutige Festlegung kürzlich hart angegangen. Hat Sie das überrascht?

Na ja, ein Professor, Michael Dobson hieß er, glaube ich, ging richtig zur Sache. Er hat den Film gleich als B-Movie bezeichnet, obwohl ich ja nur wenige Szenen gezeigt hatte. Später flüsterte er mir zu: „Nichts für ungut, ich liebe B-Movies. Casablanca war ja auch ein B-Movie.“ Da musste ich ihm energisch widersprechen. Im Grunde wusste er gar nicht, was ein B-Movie ist.

Was hat Ihnen diese Debatte gebracht?

Mir wurde schnell klar, dass es im Vorfeld des Filmstarts noch viele Diskussionen geben wird. Es war wie eine Art Inquisition: Ich habe Shakespeares Autorenschaft angezweifelt, jetzt bin ich der Ketzer und die anderen schreien: „Verbrennt ihn!“

Der englische Guardian, der nicht unbedingt im Verdacht steht, reißerisch zu berichten, schrieb über diese Podiumsdiskussion: „Wer ein Nationalheiligtum niedermacht, darf sich nicht wundern, wenn er attackiert wird.“

Ach Gott, ich besitze ja auch ein Haus in England. Wahrscheinlich werden die Leute vor meiner Tür demonstrieren. Aber das ist mir wurscht. Ich musste diesen Film so machen. Ich habe acht Jahre auf diesen Film hingearbeitet, darauf gewartet, ihn endlich machen zu können.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Shakespeare Ihrer Schulzeit?

Leider habe ich Shakespeare wie viele deutsche Gymnasiasten nur auf Deutsch gelesen. Das ist nicht zu vergleichen mit dem englischen Original. Davon mal abgesehen, habe ich mich damals für Shakespeare nicht sonderlich interessiert. Das war nichts, was mit meinem Leben zu tun hatte. Einmal sind wir mit der Klasse in Stuttgart ins Theater gegangen, haben „Romeo und Julia“ angeguckt. Das hat mir gut gefallen. Erst später, als ich älter wurde, habe ich einen besseren Zugang zu seinen Werken bekommen – allerdings vor allem durch Shakespeare-Verfilmungen. Es gibt ja irre viele davon. Ich habe viele der Klassiker angesehen, mit Laurence Olivier. Dennoch habe ich zu Shakespeare nie das gleiche intensive Verhältnis gehabt wie beispielsweise zu Thomas Mann.

Was hat Sie an Mann fasziniert?

Den Thomas Mann habe ich auch als Schüler verstanden. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass er ein Bürgersohn war. Er kam aus einem guten Haus, wie ich, war aber auch ein bisschen das schwarze Schaf.

Was hat Sie denn dazu gebracht, Shakespeare, wie wir ihn kennen, vom Sockel zu stürzen?

Ein fantastisches Drehbuch, in dem die oft diskutierte Frage nach der Autorenschaft aufgeworfen wurde. Ich habe dann alles dazu gelesen, was ich in die Finger bekam. Für einen Filmemacher ist das doch eine super Story. Ich habe mich nur gewundert, warum noch kein Regisseur vor mir auf die Idee gekommen ist, das zu verfilmen.

Womöglich, weil sie Angst hatten vor der Tsunamiwelle des Protests. Hat Sie das zu keinem Zeitpunkt abgeschreckt?

Anfangs haben mich solche Bedenken schon beschäftigt. Aber irgendwann sagte ich mir: „What the heck! Was soll’s.“ Der Drehbuchautor sagte mir dann oft: „Du bist so mutig, Roland.“ Ich würde es vielleicht eher Unbedarftheit nennen, was auch immer. Ich denke, es ist gut, die Leute zu schockieren. Shakespeare ist nach 400 Jahren noch heute der meist gespielte Autor der Welt. Das ist ein Phänomen. Die Engländer haben ihn zu einer Art Nationalhelden gemacht, allerdings ohne bis heute genau zu wissen oder nachweisen zu können, wer er eigentlich war. Alles, was einem die „Stratfordians“ über Shakespeare erzählen, ist Erfindung.

Sie meinen jene konservativen Literaturwissenschaftler, die überzeugt sind, dass der in Stratford-upon Avon geborene Shakespeare tatsächlich der einzig wahre Autor von „Romeo und Julia“ ist.

Ja – und die werden mir die Hölle heiß machen, weil sie nun wiederum mir vorwerfen, alles in meinem Film sei pure Erfindung.

Was ja nicht völlig abwegig ist. Über die Frage, ob der exzentrische Adlige de Vere oder einer von den 60 anderen gehandelten Kandidaten der wahre Shakespeare ist, streitet die Literaturwissenschaft schließlich seit 200 Jahren.

Ich bin ziemlich sattelfest, was die Sekundär-Literatur zu diesem Thema betrifft. Viele denken, diese Hollywood-Typen würden eh nichts lesen. Keine Ahnung, woher das kommt. Ich habe an keinem Ort der Welt so viele Intellektuelle getroffen wie in Hollywood. Aber das Thema wird extrem emotional diskutiert. Mir geht es da inzwischen nicht anders: Wenn mich einer angreift, schlage ich zurück.

Interview: Martin Scholz

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