Lade Inhalte...

Hirokazu Koreeda Das Paradies der Diebe

Was für ein Juwel der Erzählkunst: Hirokazu Koreeda beglückt und verstört mit seinem unorthodoxen Familienfilm „Shoplifters“.

Shoplifters
Eigentlich ganz wie eine Familie. Foto: Wild Bunch Germany 2018

Gibt es wirklich deutlich weniger große Regisseure als in der Vergangenheit? Ist die Dichte der großen filmischen Meisterwerke wirklich so viel geringer als vor zwanzig, dreißig Jahren? Oder existieren sie einfach lediglich unterhalb des Radars der Öffentlichkeit?

Diese Woche ist eine gute Gelegenheit zu überprüfen, ob es für große Filme noch ein größeres Publikum gibt. Der 56 Jahre alte Filmemacher Hirokazu Koreeda ist einer der wenigen legitimen Erben des klassischen japanischen Erzählkinos. Er ist nicht nur stark beeinflusst vom großen Yasujiro Ozu und seinen formal asketischen, aber emotional unerschöpflichen Familienfilmen, er hat inzwischen in seinem ureigenen Stil auch eine vergleichbare Meisterschaft erreicht. Als er im Mai für „Shoplifters“ die Goldene Palme in Cannes gewann, fand die Entscheidung nahezu einhellige Zustimmung. Das einzig Überraschende daran war, dass man bei solchen Anlässen nicht unbedingt mehr damit rechnet, dass sich das Beste auch durchsetzt. Und was geschieht mit diesem Film in Deutschland? Er droht zu versinken zwischen den Jahren, nicht einmal eine Pressevorführung ist er dem deutschen Verleih Wert. Oder steckt hinter der Terminentscheidung vielleicht die Annahme, dass dieses zutiefst humanistische, aber doch unorthodoxe Familienkino sein Publikum am besten in nachweihnachtlicher Stimmung antreffe? Auch das würde nicht unbedingt von Optimismus in unserer Kinokultur zeugen.

Hirokazu Koreeda ist ein Spezialist für unorthodoxe Lebensgemeinschaften und Familienkonstellationen. In früheren Filmen erzählte er von einer todessehnsüchtigen Sekte, von Kindern, die sich ohne Eltern durchschlagen, von getrennten Geschwistern und bei der Geburt vertauschten Kindern. Die Triebkräfte familiärer Bindungen und sozialer Interaktionen wurden unter diesen widrigen Konstellationen in geradezu abstrakter Klarheit sichtbar.

Vor diesem Hintergrund erscheint die merkwürdige Patchworkfamilie von „Shoplifters“ geradezu normal. In etwas improvisiert wirkenden Wohnverhältnissen – der Vermieter scheint nicht sehr seriös zu sein– lebt ein mittelaltes Paar gemeinsam mit einem Mädchen im Teenage-Alter, einem kleinen Jungen und einer Seniorin. Der freundlich lächelnde Patriarch (gespielt von Lily Franky aus Koreedas „Like Father, Like Son“) zählt für den Unterhalt seiner Sippe auf die tatkräftige Mitarbeit der anderen Haushaltsmitglieder. Seine eigene Profession ist der Ladendiebstahl. Was er gemeinsam mit dem Jungen erbeutet, verkauft er weiter. Auch seine Frau, die in einer Hotelwäscherei arbeitet, versorgt ihn mit Verwertbarem, das sie in den Taschen der Wäschestücke findet.

Raubzüge als Höhepunkte

Die jüngere Frau arbeitet in einer softpornografishen Peep-Show, während die Seniorin Geld von den Kindern ihres verstorbenen Mannes erbettelt. Das allerdings steckt sie nicht immer glücklich in die in Japan so beliebten Spielautomaten. Verkörpert wird dieser einnehmende Charakter von einem der großen japanischen Filmstars, der im vergangenen September verstorbenen Kirin Kiki.

Es dauert lange, bis man hinter dem liebevollen Umgang dieser scheinbaren Familie von Ladendieben weitere kriminelle Umstände erahnt, die Alt und Jung zusammenführen. Einmal stiehlt der „Vater“ ein kleines Mädchen aus einer fremden Wohnung wo es offensichtlich schwer misshandelt wurde – und es will nicht mehr zurück. Jenseits behördlicher Kontrolle oder schulischer Bildung erlebt es ein Paradies, das nicht sein darf.

Koreeda romantisiert nicht die missbräuchliche wirtschaftliche Basis dieser Lebensgemeinschaft. Doch mit einer Liebe zum Detail, die nur wenigen Filmemachern eigen ist, inszeniert er die Raubzüge wie Höhepunkte eines Kinderfilms. Gelehrig erwirbt die Siebenjährige die nötige Zeichensprache zum Schmierestehen. Während die Vermisste bereits landesweit gesucht wird, erlebt sie ihr neues Leben wie ein Spiel. Ihr Aufblühen in der Diebesgemeinschaft lässt nur erahnen, aus welchem Leid man sie erlöst haben muss.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen