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„Helle Nächte“ Landschaft im Nebel

Thomas Arslans minimalistisches Vater-Sohn-Drama „Helle Nächte“ ist nichts für Träumer.

Szene aus "Helle Nächte"
Sohn und Vater am See, Tristan Göbel (l.) und Georg Friedrich. Foto: Marco Krüger/Schramm Film/dpa

Eigentlich ist die „Berliner Schule“, jene vor allem im Ausland gebräuchliche Marke für deutsche Filmkunst, eine Harun-Farocki-Schule. Neben Christian Petzold ist Thomas Arslan derjenige deutsche Filmemacher, der es mit der Lehre dieses großen Filmkünstlers und Theoretikers am genauesten nimmt: Einer Skepsis gegenüber der verordneten Macht der Bilder. In seinen besten Filmen wie der Berliner Alltags-Odyssee „Der schöne Tag“ (2001) gelingen ihm dabei Bilder, die ein eigenes Leben atmen, unabhängig von jeder Funktion und Aufladung.

In einer zentralen Szene von Thomas Arslans „Helle Nächte“ gibt es so einen Augenblick. Es ist ein mehrminütiger Blick durch die Frontscheibe des Geländewagens, mit dem ein Vater und sein Sohn, die sich kaum kennen, durch Norwegen reisen.

Während sich der Wagen den Weg durch die gewundene Straße bahnt, verschwindet die Bildflucht zusehends in aufsteigendem Nebel. Doch dann folgt ein Umschnitt auf eine grüne Wiese am nächsten Tag, so hart, als knipse jemand das Licht an, während wir uns gerade noch an unserem Traum festhalten.

Arslans Kino ist nichts für Träumer. Nach seinem minimalistischen Detektivfilm „Im Schatten“ und dem störrischen Western „Gold“ breitet er abermals ein US-Genre aus, nur um sich allen damit verbundenen Erwartungen zu verweigern. 

Nein, der Teenager lässt sich nicht von seinem wohlmeinenden Vater aus der Reserve locken. Und dessen Reue über lange zurückliegende Grausamkeiten im Beziehungsleben interessiert ihn kein bisschen. Ein hilfloser Dialog über Lieblingsfilme liefert gleich das Messwerkzeug für den Abstand zweier Generationen. Der Junge lobt den „Herrn der Ringe“ und verweist „Rocky“ oder „Rumble Fish“, die Lieblingsfilme des Vaters, in die ewige Verdammnis des schlichtweg Alten. So, wie es wohl die meisten 14-Jährigen tun. Die wortkargen Einwürfe, die Tristan Göbel in seiner Rolle dem Vater (Georg Friedrich) entgegenwirft, wirken so authentisch, dass andersherum umso mehr auffällt, was generationsuntypisch ist. 

Warum besitzt er kein Smartphone wie das gleichaltrige Mädchen, das ihm unterwegs ihre liebste lokale Heavy-Metal-Band vorspielt? Wir erfahren es nicht. Auch das ist typisch für Arslan und sein Kino der Auslassungen. Auch entscheidende Handlungsteile bleiben im Dunkel dieser hellen Nächte. 

Umso prominenter erscheinen kleine Gesten: Eine wie zufällig auf die Schulter des Jungen gelegte Hand des Vaters ist Ausdruck einer verständlichen, aber utopischen Sehnsucht, zehn Jahre Abwesenheit durch eine simple Umarmung zu überwinden. Wenn es am Ende dennoch zu einer Art von Umklammerung kommt, halb erzwungen, als der Vater dem abtrünnigen Teenager nachrennt und ihn zu Boden wirft, schließt sich die bescheidene, aber entscheidende Klammer der Erzählung. Wir sind nicht in Hollywood. Mehr ist da nicht. Man kann die Entfremdung nicht schönreden. Keine erhabene Landschaft tröstet uns darüber hinweg.

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