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„Haymatloz“ Ein Sesamring als Schlüssel

„Haymatloz“ erzählt von der Flucht deutscher Wissenschaftler vor den Nazis in die Türkei.

27.10.2016 18:14
Susanne Lenz
Zwischen den Welten: Kurt Heilbronn. Foto: Corso Film

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verlor ein Drittel der Professoren ihre Stelle an deutschen Universitäten. Viele von ihnen waren Juden oder Antifaschisten. Dieser Film handelt von ihrer Emigration in die Türkei. Sogar Bruno Taut – von den Nazis als Kulturbolschewist verunglimpft – lehrte dort und schuf bedeutende Bauten. Von ihm ist in „Haymatloz“ nur am Rande die Rede. Die türkischstämmige Regisseurin Eren Önsöz hat sich auf vier Wissenschaftler konzentriert, deren Kinder noch leben. Diese wanderten entweder mit den Eltern in die Türkei aus, oder sie sind dort geboren worden.

Eine zentrale Figur ist Philipp Schwartz, ein jüdischer Pathologe, der bis 1933 Professor an der Frankfurter Goethe-Universität war. Er ging nach seiner Entlassung nach Zürich, gründete dort die „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ und nahm bald Kontakt in die Türkei auf. Hier strebte Staatspräsident Kemal Atatürk eine Reform der Universitäten nach westlichem Vorbild an. „Wir können unsere jungen Leute nicht nach Europa schicken“, hört man ihn in einer Tonaufnahme sagen, möglicherweise eine Radiosendung. „Aber wir können etwas Europäisches hier aufbauen.“

Und so geschah es. Mehr als tausend deutsche Wissenschaftler flohen nach Istanbul oder Ankara und überlebten hier die Nazizeit. Heute, in der Türkei unter Präsident Erdogan, wird der Wille zur Modernisierung, die Hinwendung zu Europa an den türkischen Universitäten infrage gestellt. Auch das ist Thema dieses interessanten und facettenreichen Films – genau wie das Verhalten der deutschen Universitäten bei der Rückkehr der Flüchtlinge: Sie taten sich schwer mit ihnen.

Die Nachkommen haben Eren Önsöz alte Familienfotos zur Verfügung gestellt, kombiniert werden sie mit Ton- und den wenigen Filmaufnahmen aus der damaligen Zeit. Önsöz ist mit den Kindern in ihre alte Heimat gefahren, zu den einstigen Wirkstätten ihrer Väter, und man erfährt, welch große Bedeutung diese für das türkische Universitätswesen hatten. Sie haben Institute aufgebaut, Lehrbücher geschrieben, sogar Gesetzestexte wie der Jurist Ernst E. Hirsch. An den türkischen Namen mancher Kinder kann man ablesen, wie hoch die Identifikation und sicher auch die Dankbarkeit für das Exilland gewesen sind.

Eren Önüz zeigt in melancholischen Szenen, wie die heute erwachsenen Kinder in ihren alten Vierteln herumlaufen, ihre Schule suchen und die Straßenbahnhaltestelle, von der sie damals immer abgefahren sind. Die meisten von ihnen sprechen sogar Türkisch. Und wenn sie Sesamringe von Straßenhändlern kaufen, so wie sie es früher getan haben, dann scheinen diese ein Schlüssel für die Vergangenheit zu sein – so wie die berühmte Madeleine Marcel Prousts. Dann spürt man ihre Verbundenheit mit dem Ort ihrer Kindheit und versteht, dass ihre Rückkehr nach Deutschland für sie auch einen Verlust bedeutet hat.

Da ist zum Beispiel Kurt Heilbronn, der 1951 in Istanbul geborene Sohn des Botanikers Alfred Heilbronn, der an der Universität Istanbul das Botanische Institut mitbegründet hat, aus dessen zweiter Ehe mit einer Türkin. Eren Önsöz hat Kurt Heilbronn in der deutschen Kleinstadt mit ihren akkurat geschnittenen Hecken vor den Vorgärten besucht, in der er wohnt, und in seinem Istanbuler Appartement. Das braucht er, wenn er alle sechs Wochen nach Istanbul kommt, um hier Familientherapie anzubieten. „Das ist ein Dank an das Land, das meinem Vater die Möglichkeit gab zu überleben.“

„In Deutschland bin ich Türke“

Kurt Heilbronn sagt über sich: „Ich bin halb Türke, halb Deutscher und Jude.“ Was für eine ungewöhnliche Mischung! Doch es ist oft nicht leicht, mehrere Kulturen in sich zu vereinen – auch das zeigt dieser Film. Kurt Heilbronn etwa hält seine Berufswahl nicht für zufällig. Vielleicht wäre er sonst verrückt geworden, sagt er. Darin ist er sich einig mit Susan Ferenz-Schwartz, der Tochter von Philipp Schwartz, auch sie wurde Therapeutin. Engin Bagda, der Sohn des Chemikers Otto Gerngroß, der an der Universität Ankara lehrte, sagt: „In Deutschland bin ich Türke, in der Türkei Deutscher.“ Man hat diesen Satz schon so oft von türkischstämmigen Deutschen gehört, dass man sich die Zerrissenheit, die er ausdrückt, erst wieder bewusst machen muss.

„Haymatloz“ – dieses Wort schrieben die türkischen Behörden den deutschen Flüchtlingen in den Pass. Es gilt, so zeigt dieser Film, auf andere Weise auch für ihre Kinder.

Haymatloz – Exil in der Türkei. D 2016. Regie: Eren Önsöz. 90 Min.

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