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Harry Dean Stanton Der letzte Outlaw

„Paris, Texas“ machte ihn berühmt: Zum Tod des amerikanischen Schauspielers und Musikers Harry Dean Stanton.

Harry Dean Stanton
Harry Dean Stanton ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Foto: rtr

Vielleicht ahnte Wim Wenders, als er seinen Film „Paris Texas“ plante, dass seine archetypischen Landschaften amerikanischer Weiten nach einem ebensolchen Vordergrund verlangten: Einem gegerbten Gesicht, das dem allerletzten Cowboy gehören könnte. Im Wendersfilm gehörte es einem Mann ohne Gedächtnis namens Travis, der durch die Wüste den Weg zu seiner Familie sucht. Im wirklichen Leben gehörte dieses Gesicht Harry Dean Stanton. Er spielte sich nach eigenem Bekunden selbst. 

„Es war fast dokumentarisch. Ich spiele mich so total, wie ich es kann. Ich weiß nicht, was aus Travis geworden ist. Ich würde sagen, das bin ich. Immer noch auf der Suche nach Befreiung, Erleuchtung (ein besseres Wort fällt mir nicht ein), und erkennend, dass das vielleicht eintrifft, vielleicht aber auch nicht.“

Bekannt durch zahllose Nebenrollen, insbesondere aus nahezu jeder erdenklichen Wildwest-Serie, die das amerikanische Fernsehen seit den Fünfzigerjahren produzierte, war sein Name damals nur wenigen ein Begriff. Das sollte sich mit „Paris, Texas“ schlagartig ändern. 

Dem damals 58-jährigen muss dieser Augenblick wie seine späte Berufung erschienen sein. Endlich hatte jemand in ihm mehr gesehen als nur einen guten Typen, der er natürlich auch war: Vor der Kamera und wahrscheinlich mehr noch, wenn gerade nicht gedreht wurde. Dann spielte er herzergreifend die Mundharmonika und Westerngitarre und sang eine herrlich raue Mischung aus Country, Tex-Mex, Pop und Mariachi. 

Mit über achtzig machte er eine Institution daraus und spielte regelmäßig mit der Harry Dean Stanton Band, einer Art kalifornischem Buena Vista Social Club, in der Umgebung von Los Angeles. Die Dokumentarfilmerin Sophie Huber bewahrte diesen musikalischen, nur seiner eigenen Inszenierung folgenden Stanton in dem herzerwärmenden Dokumentarfilm „Harry Dean Stanton: Partly Fiction“. 

Der späten Hauptrolle in „Paris, Texas“ folgten markante Nebenrollen, zu denen ihn plötzlich die berühmtesten Regisseure einluden: Robert Altman („Fool for Love“), Martin Scorsese („Die letzte Versuchung Christi“) und immer wieder David Lynch: unter anderem als Detektiv Johnny Farragut in „Wild at Heart“ und als Parkplatzbesitzer in allen Staffeln von „Twin Peaks“: Gleich fünf mal mischte er sich in der aktuellen Staffel unter die alten Recken in dieser surrealen Wiedersehensfeier und nahm dabei gerne auch die Gitarre zur Hand.

Wer hätte gedacht, dass der 91-jährige seine Karriere noch mit einer weiteren Hauptrolle würde krönen können? Das Locarno-Festival hob sie im vergangenen August aus der Taufe. 
Regisseur John Carroll Lynch knüpfte dort an, wo Hubers Dokumentarfilm über den „wahren“ Stanton aufhört. Die Titelfigur in „Lucky“ ist ganz Stanton: Ein Mann von einsilbiger Weisheit, seine bevorzugten Ausdrucksformen sind Fatalismus, Einsilbigkeit und eine mit allen Wassern gewaschene Nüchternheit. Noch immer wirkt er da wie der Outlaw seiner frühen Westernschurken, auch wenn die Rebellion von „Lucky“ beim stets aufs Neue verhinderten Versuch bleibt, in der Kneipe wie vor dem Rauchverbot eine Kippe anzustecken. Als Atheist muss sich der alte Mann da mit dem nahenden Tod auseinandersetzen – ohne freilich die Türen aller Möglichkeiten lautstark zuzuschlagen.

Der Sohn eines Tabakbauern und einer Köchin hatte als Navy-Smutje die Schlacht von Okinawa überlebt. Nach einem Journalismus-Studium kam er 1954 zum Fernsehen. „Ich war wahrscheinlich eher wie eine Katze“, reflektierte Stanton einmal über seine Karriere. „Ich war pingelig und habe Chancen vertan, Meetings verpasst, die aus mir wohl einen viel größeren Schauspieler gemacht hätten. Anderseits hätte das auch viel mehr von meiner Zeit beansprucht…“

Am Freitag starb Harry Dean Stanton, 91-jährig, in Los Angeles. 

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