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„Hans Blumenberg – der unsichtbare Philosoph“ Schiffbruch mit Zuschauer

Christoph Rüter hat dem Philosophen Hans Blumenberg ein dokumentarisches Road-Movie gewidmet.

Blumenberg
Man resit an Orte, an denen es etwas über Blumenberg zu erfahren gibt. Foto: Realfiction

Kaum ein Philosoph des späten 20. Jahrhunderts wusste sein mediales Bild derart zu begrenzen wie Hans Blumenberg. Kaum eine handvoll offizieller Fotos ließ er passieren, Interviews oder gar Fernsehauftritte lehnte er ab. Ein Film über Blumenberg hat es deshalb entweder besonders schwer oder besonders einfach. Einerseits muss er seinem Publikum schuldig bleiben, was Studierende der Universitäten in Bochum und Münster zwischen 1965 und 1985 erleben durften: Frei vorgetragene Demonstrationen eines als Nachdenklichkeit verstandenen Denkens, das gerade in seinem Innehalten und den Seitenwegen fündig wird. 

Andererseits können sich Filmemacher, ohne teure Archivkosten bezahlen zu müssen, ihre eigenen Bilder machen, wenn sie es denn wünschen. Oder sie können das Nachdenken über Blumenberg selbst thematisieren, denn das „Abenteuer des Denkens“, wie er es selbst nannte, kann durchaus auch ein Leinwandabenteuer sein. Genug Filmemacher gab und gibt es, von deren Werk man lernen kann, wie philosophisches Kino auch ohne abgefilmte Philosophen funktioniert: Chris Marker, Straub/Huillet, Alexander Kluge, Jean-Luc Godard oder Jürgen Heiter, um nur einige zu nennen. 

Wie also mag dies Christoph Rüter gelingen, einem Filmemacher, der zu Anfang bekennt, selbst zu den Glücklichen zu zählen, die wenigstens ein Semester Blumenberg-Vorlesungen erlebt haben? Am Anfang sieht es so aus, als könnten die Bilder, die zu Blumenberg passen, für ihn nicht groß genug sein. Ein erhabener, vielfarbiger Himmel und eine ebenso imposante Aussicht ins Weltall, all das unterlegt mit Musik von Bach, rahmen ein Foto des Philosophen, dessen großer Name ausgerechnet über seinen Augen platziert wird. Doch der Blumenberg-Kopf und das Lichtermeer dahinter ergeben nur ein Bild von billigem Prunk, man kennt solche Collagen von den Hüllen mancher Klassik-CDs. Möchte man an Blumenbergs Einlassung erinnern, „Sterne zu sehen, ist ein Inbegriff des Mehr, das der Mensch als Nebenprodukt seines aufrechten Ganges zu seiner bedrängenden Alltäglichkeit hinzuzufügen vermochte“? 

Es ist ein Plädoyer für die Lust am Sehen, das uns Blumenberg hier, vielleicht aus dem Schutz der eigenen Unsichtbarkeit, hinterlassen hat: Wer in den Sternenhimmel blickt, der genießt die Überforderung des Auges, das nichts mehr zu fixieren weiß. Das wäre auch im Kino eine gute Voraussetzung für Nachdenklichkeit.

Der Filmemacher hat ein anderes Blumenberg-Zitat gefunden, das er nun zu Bach und den Sternen mischt, der seltene Fund eines verrauschten Mitschnitts einer Vorlesung. Es geht um das Fragmentarische unseres Lebens, „das ja nicht nur darin besteht, dass es kurz ist, mehr oder weniger, manchen zu kurz, anderen zu lang, jedenfalls niemals gerade so lang wie der Betreffende es sich vorgestellt hat“. Fragmentarisch, so der Vortragende weiter, „heißt ja vor allem, dass es uns nicht die Chance gibt, in irgendeiner Weise, nicht nur bezogen auf unsere Lebenszeit und Lebensauffassung, sondern in irgendeiner Weise etwas Ganzes kennenzulernen“.
Auch das ist ein gutes Motto für einen Film über Blumenberg, und wie gerne würden wir dem Schatz dieser ebenfalls nur fragmentarisch hinterlassenen Vorlesungen weiter lauschen. Doch der Film geht einen anderen Weg.

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