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„Hannah Arendt“ Denken in Bildern

Eine filmische Hommage an „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta. Der Zuschauer wird wider Erwarten überrascht - dank kluger Regie-Entscheidungen und einer starken Barbara Sukowa.

09.01.2013 10:00
Von Anke Westphal

Eine filmische Hommage an „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta. Der Zuschauer wird wider Erwarten überrascht - dank kluger Regie-Entscheidungen und einer starken Barbara Sukowa.

Barbara Sukowa ist im Kino inzwischen so etwas wie das Gesicht der deutschen Geschichte. Sie war schon Gudrun Ensslin, Rosa Luxemburg und Hildegard von Bingen. Diese historischen Figuren spielte sie, ob nun mit Klar- oder Decknamen (wie in „Die bleierne Zeit“), immer in Filmen von Margarethe von Trotta. Nun ist Barbara Sukowa bei von Trotta als Philosophin Hannah Arendt zu sehen, und es gab genug Zeit, Vorbehalte zu pflegen ob dieser erneuten filmischen Zusammenarbeit, die sich offenbar bewährt hat, wenigstens was die Beteiligten angeht.

Die Sukowa schon wieder als Hermelinfloh der deutschen Geschichte und dann auch schon wieder bei einer so konventionellen (oder soll man sagen: traditionsbewussten) Regisseurin – das wird doch nichts Rechtes.

„Ihr Denken veränderte die Welt“ steht auf dem Werbeposter für „Hannah Arendt“. Im Kino kann das ein Problem sein: Wie will man Erkenntnis, zumal philosophische, visuell umsetzen? Es ist hier ja nicht wie bei Archimedes, der aus dem Badezuber sprang und frohgemut „Heureka“ rief, als er qua Selbstexperiment herausfand, dass Körper nun einmal andere Körper verdrängen. Nun aber ist man wider Erwarten überrascht von „Hannah Arendt“, dem Film. Nicht, dass die Trotta eine Avantgarde-Produktion vorlegen würde, aber es wurden Regie-Entscheidungen getroffen, die überzeugen. Und die Sukowa ist eine bezwingende, starke Arendt.

Bloß keine heimeligen Denker!

Margarethe von Trotta eröffnet ihre neue Regiearbeit mit der Entführung des Nazi-Verbrechers Adolf Eichmann durch den israelischen Geheimdienst Mossad am 11. Mai 1960 in Eichmanns argentinischem Exil. Beim Spaziergang wird der Mann in ein Fahrzeug gezerrt. Während dessen redet Hannah Arendt daheim in New York über – Männer! Und Axel Milberg rauscht durchs Bild als zweiter Ehemann der Philosophin, Heinrich Blücher. Nein, das will man nicht: Heimelige Denker!

Aber schon setzt Arendt durch, 1961, dass sie nach Israel reist. Für die renommierte Zeitschrift The New Yorker will sie vom Eichmann-Prozess berichten, dessen Rechtmäßigkeit Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen ist im Freundeskreis. Schließlich wurde ein Delikt begangen (Kidnapping), um einen Nazi-Täter seiner Strafe zuzuführen. Kann etwas Unrechtes zu etwas Rechtem führen? Gilt die Kategorie „unrecht“ überhaupt bei Leuten wie Eichmann?

Interessant, nämlich durchaus kokett ist, dass Arendt zunächst banale Motive anführt für die Reise: Sie habe noch nie einen leibhaftigen Nazi gesehen, sagt sie. Schwer zu glauben, denn Arendt verließ Deutschland 1933; zu der Zeit konnte man die Spezis zuhauf öffentlich besichtigen. Doch darum geht es nicht. In Arendts Begründung offenbart sich vielmehr eine gewisse Divenhaftigkeit und Frivolität, quasi der glamouröse Ableger ihrer geistigen Freiheit. Dass ihr nicht alle Weggefährten darin folgen können oder wollen – dies, die Kontroversen um Eichmann und Sukowas schauspielerische Leistung, sind das dramatische Futter des Films.

Viele heftige Streitgespräche gibt es in „Hannah Arendt“; es ist durchaus ein Diskursfilm über Verantwortung, Schuld und Sühne. Leute, die sich nicht für das Werk der Titelheldin interessieren, werden sich langweilen und den Vorwurf der Papierhaftigkeit erheben. Andere, auch solche, die viel wissen über Arendt, sollten sich diesen Film dennoch ansehen – und sei es nur, um die eigene Lektüre-Erfahrung im Abgleich mit einem anderen Medium, dem Kino zu überprüfen.

Denn es wird einem nicht allein die Philosophin mit dem scharfen Verstand nahe gebracht, sondern auch ein Mensch, der sich selbst und anderen gegenüber kaum Gnade kennt. Diese Unbestechlichkeit, die unbedingte Verpflichtung der Erkenntnis gegenüber ist es, was der Film würdigt. Letztlich ist das seine Botschaft.

Heidegger: Arendts große Enttäuschung

Hier bildet der Philosoph Martin Heidegger, dessen Lieblingsstudentin und Geliebte Hannah Arendt einst in Deutschland war, im Film durch wenige Rückblenden und eine Begegnung nach dem Krieg eine Folie. Eigentlich unnötig, denn Arendt wird dadurch noch einmal in die Rolle der Schülerin gedrängt. Heidegger ist DIE Enttäuschung in Arendts Leben: ein großer Denker, aber später auch NSDAP-Mitglied, von Hitler geehrt. Das kann sie nicht verstehen, aber von ihm hat sie Entscheidendes gelernt. Niemand will Arendts Entmystifizierung des Nazi-„Ungeheuers“ Eichmann zunächst annehmen. Ihre These von der Banalität des Bösen, die sie während des Prozesses entwickelt, wird nicht ausgehalten von den Zeitgenossen. Entsprechend stark sind die Anfeindungen.

Hinsichtlich des Prozesses trifft die Regisseurin von Trotta ihre wohl wichtigste Entscheidung: Sie lässt Adolf Eichmann nicht von einem Schauspieler verkörpern. Er ist hier nur in historischen Archivaufnahmen präsent, in Schwarz-weiß, während die Berichterstatter, darunter Arendt, in Farbe die Bankreihen bevölkern. Genau diese Differenzierung sucht Arendt aber zu gewinnen in der Beurteilung von Eichmann: Weg vom eindeutigen Monster und hin zum ernüchternden Alltagsbild eines Terrorregimes. Das „Raubtier“ der Anderen ist für sie nur ein kleiner Mann mit Schnupfen.


Dass Arendt einen Zusammenhang herstellt zwischen Eichmanns Mittelmäßigkeit und dessen verbrecherischen Anordnungen als Leiter des Referats IV (Juden und Räumungsangelegenheiten) des Reichssicherheitshauptamts empört die Öffentlichkeit ebenso wie ihre Haltung zur Rolle der Judenräte unter den Nazis. Ohne Mithilfe der Judenräte, so Arendt, wären vielleicht nicht so viele Juden ermordet worden. Das zeige eben die Totalität des moralischen Zusammenbruchs, den die Nazis ausgelöst hatten, auch unter den Opfern.

Inzwischen wurde die Rolle der Judenräte vielfach von jüdischen Wissenschaftlern untersucht; doch damals hat Arendt den Menschen mit dieser Wahrheit zu viel zugemutet. Sie habe noch nie ein Volk geliebt, sagte Arendt, warum solle sie also die Juden lieben? Sie liebe ihre Freunde. Nicht die Wahrheit ist das Böse. Das radikal Böse – Arendt zufolge ist es die Überflüssigmachung des Menschen. Das Böse ist eine Art von sozialem Verhalten. Dies ist also auch ein ganz aktueller Film.

Hannah Arendt Dtl. 2012. Regie: Margarethe von Trotta, Kamera: Caroline Champetier; 113 Minuten, Farbe. FSK ab 6. Ab Donnerstag im Kino.

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