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"Hände hoch oder ich schieße" Die Angst vor der perfekten DDR

Wiederentdeckt: Die harmlose, aber einst verbotene DEFA-Satire "Hände hoch oder ich schieße". Wahrscheinlich hatte das Honecker-Regime Angst vor dem idealen Sozialismus. Von D. Kothenschulte, ( Mit Video)

Rolf Hericht spielt den gelangweilten Kommissaranwärter in der Stadt Wolkenheim. Foto: defa

Es gehört zu den tragischen Ironien der deutschen Filmgeschichte, dass das DEFA-Kino im Augenblick seiner größten Blüte seinen schwersten Kahlschlag erlebte. Zum Jahreswechsel 1965/66 tagte das 11. Zentralkomitee der SED. Entsetzt über den künstlerischen Aufbruch forderte Erich Honecker eine verschärfte Zensur. Das bedeutete den Giftschrank für eine illustre Riege gerade fertiggestellter Autorenfilme, die erst nach der Wende als Meisterwerke gefeiert werden konnten; darunter Frank Beyers "Spur der Steine" und Jürgen Böttchers "Jahrgang 45".

"Unsere DDR ist ein sauberer Staat", hatte Honecker 1965 gepredigt. "In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte." Was aber wäre, wenn ihn ein Filmemacher beim Wort genommen hätte? Wenn er eine Komödie in einer derart perfekten Version des Arbeiter- und Bauernstaates angesiedelt hätte, dass es für einen Polizisten keine Arbeit mehr gäbe? Keine Frage, sie würde verboten. So geschehen bei "Hände hoch oder ich schieße", dem letzten Tresorfilm der DDR, der heute in die Kinos kommt.

Im idyllischen Städtchen Wolkenheim sehnt sich ein gelangweilter Kommissarsanwärter namens Holms nach einem kniffligen Fall. Wenn aber selbst ein angezeigter Kaninchendiebstahl nicht auf die kriminelle Energie eines Langfingers zurückgeführt werden kann sondern nur auf den Freiheitsdrang eines Langohrs, ist sein Wirken sinnlos. Der seinerzeit populäre Komödienstar Rolf Herricht spielt die Rolle in einer liebenswerten Mischung aus Rebellentum und Spießigkeit. Alles drängt den kleinen Holms in den Einzugsbereich von Scotland Yard. Bloß weg aus der - wie es im Dialog heißt - "Geschlossenen Gesellschaft".

"Hände hoch oder ich schieße, TrailerDDR 1965/66

Doch der Titel "Hände hoch oder ich schieße" meint mitnichten den Schießbefehl an der Grenze. An Harmlosigkeit ist die von Hans-Joachim Kasprzik inszenierte und gemeinsam mit Rudi Strahl geschriebene Farce kaum zu überbieten. Auch erste Zensurauflagen wurden im erhaltenen Rohschnitt bereitwillig umgesetzt.

Die Paranoia des Honecker-Regimes zeigt sich eben nicht nur im aggressiven Unverstand gegenüber der Hochkultur. Selbst vor der zahmsten Sorte Ironie fürchtete man sich. Oder war es doch der vollkommene Sozialismus von Wolkenheim, der die Funktionäre erschreckte?

Hände hoch oder ich schieße, DDR 1965. Regie: H.-J. Kasprzik. 81 Min.

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