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Gundermann Selbst auf den Kommunismus kommen

Andreas Dresens Filmbiographie „Gundermann“ ist einer der besten Filme über die DDR.

Alexander Scheer
Alexander Scheer mit Anna Unterberger als Conny Gundermann. Foto: Peter Hartwig

Filme über die jüngere Vergangenheit lassen uns oft am Zustand des kollektiven Gedächtnisses zweifeln. „Das Leben der Anderen“, der international erfolgreichste Film über die DDR, sah vom ersten bis zum letzten Bild unecht aus wie ein Studiofilm aus dem alten Hollywood. Sicher, der Filmemacher Florian Henckel von Donnersmarck war zu jung, um die Zeit bewusst erlebt zu haben. Aber das entschuldigt nichts: Hat das vergangene Jahrhundert nicht als erstes in der Geschichte ein Bildgedächtnis hinterlassen in Form von Abertausenden von Filmen? Nur mag kaum noch jemand hineinschauen.

Andreas Dresen hat die DDR noch erlebt, und er hat sie nicht vergessen – was die außerordentliche Qualität seines „Gundermann“ aber noch nicht allein erklärt. Es gibt da etwas an seinem warmherzigen, unsentimentalen Ton und dem diskreten Realismus, das sofort an die weniger prestigeträchtigen Defa-Unterhaltungsfilme denken lässt, Filme wie sie Herrmann Zschoche gedreht hat. Dann aber schaut man tiefer hinein und sieht einen Film, den die DDR leider doch nicht über sich selbst drehen konnte oder durfte.

Dieses außerordentliche Biopic, das uns schon in den ersten Minuten vergessen lässt, dass es eines ist, weil nichts Nachgeahmtes darin steckt, ist ein kleines Wunder. Als hätte jemand die eine, fehlende Filmkopie der ostdeutschen Filmgeschichte ins Bundesarchiv geschummelt, in der sich die DDR in all ihren Widersprüchen selbst darstellte.

All diese Widersprüche finden sich in der Figur des Liedermachers Gerhard Gundermann, der seine Arbeit als Baggerfahrer zu sehr liebt, um sie für die Kunst aufzugeben. Vielleicht, weil sie selbst eine ist. Jedenfalls zeigt Andreas Höfer den Tagebau in großen, semidokumentarischen Bildern mit leisem Arbeiterpathos. Gundermann möchte beides sein – Sonderling und Parteigenosse. Seine Erklärung gegenüber dem SED-Funktionär bei der Beratung des Aufnahmeantrags: „Weil die Ideale des Kommunismus auch meine ganz persönlichen sind. Also wenn es die nicht schon gäbe, diese Weltanschauung, hätte ich auch selber darauf kommen können.“ Da muss die Versammlung dann doch schmunzeln.

Im Schutz der vermeintlichen Amateurhaftigkeit gewinnt Gundermanns Kunst eine seltene Freiheit und Authentizität. Doch so einfach ist das Doppelleben nicht. Wie eine Kollegin bei derselben Betriebsversammlung lobend über Gundi sagt, hat er den Vor- und Nachteil, zu sagen, was er denkt. Alexander Scheer, dieser außerordentliche Schauspieler, hat sich in ihn verwandelt, ohne dabei wie ein Maskenträger zu wirken. Auch das ist eine seltene Qualität in einem historischen Film und erst recht in einem so genannten Biopic. Man muss nie etwas von Gundermann gehört haben, um etwas in diesem unheroischen Außenseiter wiederzuerkennen.

Ich habe die DDR nur eine Woche lang erlebt, als Teenager zu Besuch bei meiner Tante in Schwerin, aber diesen Eindruck hatte ich sofort: Selbst wenn man gar nicht anecken will, wie schwer würde es hier sein, unangepasst zu bleiben?

Kein Spielfilm, abgesehen von ein paar wenigen, besonderen Defa-Filmen, lässt dieses Gefühl heute noch nacherleben. Andreas Dresen aber legt diesen Eindruck wie selbstverständlich unter seine Bilder, gerade weil er nichts bewertet. Man könnte melancholisch werden über den schmerzenden Zwiespalt des Systems, das allen Chancen gegenüber dem Kapitalismus so enge Grenzen setzte. Doch dazu ist Dresen dann wiederum zu humorvoll. Anders als in manchen früheren Filmen des Regisseurs fehlt alles Forcierte, es gibt nichts emotional Forcierendes und auch keine Sehnsucht nach ordnender Lösung.

Gleich zu Beginn thematisiert er Gundermanns Spitzeltätigkeit für die Stasi, andere hätten sich diesen Schatten bis zum Schluss aufgehoben. Dresen lässt seine Figur lieber aus dem Makel heraus lebendig werden, was ein kluger Schachzug ist. Sein Film selbst ist makellos.

Gundermann. D 2018. Regie: Andreas Dresen. 127 Min.

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