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„Grenzgang“ Eine Liebe im Hessischen Hinterland

Die zurückhaltende, glänzend besetzte Verfilmung von Stephan Thomes Roman „Grenzgang“ für die ARD.

Lars Eidinger auf dem Lande.

Ein vorzüglicher Film, für den in erster Linie auf vieles verzichtet wurde.

Auf viel Romanstoff: Hannah Hollingers Drehbuch „Grenzgang“, nach Stephan Thomes Debüt von 2009, das den 1972 geborenen Autor direkt auf die Liste der letzten sechs Buchpreisnominierten brachte, verstrickt sich mitnichten in die zahlreichen Möglichkeiten der Vorlage und kann gerade darum einen Teil der Geschichte ernsthaft erzählen. Aber eben nur einen Teil. Von der offenbar durchaus strikten sozialen Hierarchie etwa, die im Roman-Bergenstadt (im wirklichen Leben: Biedenkopf, wo Thome herkommt) herrscht, lässt sich nur noch etwas ahnen.

Auf viel Idylle: Wie Thomes Roman badet auch Brigitte Maria Berteles Film, eine WDR-Produktion (seltsam eigentlich), nicht in den schönen Bildern, die die Umgebung des Hessischen Hinterlandes unbedingt zu bieten hat. Die Mittelgebirgssilhouette und die Fachwerkhäuser sind in „Grenzgang“ einfach bloß da.

Die Leute, um die es geht, leben hier schon lange und gucken auch nicht ständig hin. Das ist keine Tourismuswerbung, wie die Vorlage, wenn überhaupt, ein dezenter Heimatroman ist. Heimatroman im Sinne von: Roman, der in der Heimat bestimmter Personen spielt, die hier nicht wegkommen. Oder: die später wieder hierher geraten. Und man staunt zwar, wieso Lars Eidinger just über eine saftige Spätsommerwiese abgeht, denn auch bei uns in Hessen gibt es lang schon feste Wege allüberall. Aber vielleicht ist das ja eine Abkürzung.

Verzicht auch auf Folklore

Auf viel Folklore: Das alle sieben Jahre begangene Grenzgang-Fest von Biedenkopf ist hier ebenso üppig, bunt und unerklärlich wie im Roman. Wie überhaupt Hollinger und Bertele nichts weiter erklären, die Dinge lediglich geschehen lassen. Wieso hat die Frau im Festzelt eine schwarze Backe? Lesen Sie nach!Auf viel Prahlerei: „Grenzgang“ ist bis in die Nebenrollen hinein opulent besetzt, aber die Schauspieler schieben sich nicht nach vorne, werden von Bertele auch nicht nach vorne geschoben. Hanns Zischler ist der trotz Whiskykonsums ausgenüchterte Direktor, der praktisch im Schulgebäude wohnt, Harald Schrott spielt nicht zum ersten Mal, aber wieder einleuchtend und unforciert den bloß eine Spur schmierigen Ex, Gesine Cukrowski begleitet die weibliche Hauptdarstellerin mit amüsierter Kartenspielermiene in einen Sexclub (eine vielversprechende Szene – das ist dann doch überraschend –, für die Thome ein Feuerwerk zündet, während Bertele diskret darüber hinweggeht).

Eine großartige Untertreibung ist Eidinger, im Fernsehen eher auf Psychopathen abonniert, als Lehrer Thomas mit gestutztem Bärtchen und ruhigem Gemüt. Er ist der Rückkehrer, während die Hausfrau und Mutter Kerstin, Claudia Michelsen, die Dagebliebene darstellt. Eine in ihrer Bescheidenheit und Harmlosigkeit schöne Art von Liebesgeschichte bahnt sich an.

Wenig erfährt man im Film davon, was Thomas letztlich aus Berlin vertrieben hat, nichts von Kerstins vom Leben und von ihr selbst weggekegelten beruflichen Plänen. Ebenso wie die keimende Liebe diesmal ein erfreuliches, aber nicht riesiges Gefühl ist – man schaut noch einmal kontrollierend in den Spiegel, bevor man der interessanten Frau die Tür öffnet –, geht auch das Leiden am Alltag gelassen vonstatten. Kerstin pflegt ihre demente Mutter (markerschütternd plausibel gespielt von Gerda Roll) und wird von ihrem schwerstpubertierenden Sohn (Sandro Lohmann) schikaniert. Sie trägt es gefasst.

Thome erzählt, nimmt man sämtliche Rückblenden dazu, anhand von insgesamt vier Grenzgängen, also in einem Zeitraum von 28 Jahren. Bertele und Hollinger konzentrieren sich auf zwei. Selbstverständlich fehlt da was. Sehr vernünftig. Einmal davon abgesehen, dass ein Film, der mit Schuberts „Ständchen“ (Leise flehen meine Lieder) beginnt, schon nicht mehr völlig misslingen könnte. Nicht fair, aber wahr.

Wer nun aber doch mehr wissen will, muss nachher noch den Roman lesen. Recht so

Grenzgang, ARD, 20.15 Uhr.

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