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„Grenzenlos“ Der Himmel über der Normandie

Wim Wenders versucht mit „Grenzenlos“ ein Melodram vor dem Hintergrund des IS-Terrorismus.

Alicia Vikander
Alicia Vikander taucht vor Island tief. Foto: Warner Bros. Pictures/dpa

Wer online nach Wim Wenders sucht, dem empfehlen die Algorithmen der Suchmaschinen meist auch Werner Herzog, einen künstlerisch und thematisch ganz anders orientierten deutschen Filmemacher seiner Generation. Tatsächlich aber ist „Submergence“ vielleicht der erste Wenders-Film, der auch von Herzog sein könnte. Beide Hauptfiguren würden ihm gewiss gefallen in ihrer Suche nach dem Absoluten, sie sind Grenzgänger in ganz unterschiedlichen Disziplinen.

Danielle „Danny“ Flinders ist eine Professorin für Tiefseebiologie, James More ein Geheimagent, der in Kriegsgebieten den Kontakt zu Terroristen sucht. Alicia Vikander verkörpert Erstere so jugendlich und überwirklich schön, als habe sie ihre Habilitation bereits mit 25 vorgelegt. James McAvoy spielt Letzteren mit dem unrasierten Charme eines Hemingway-Heroen.

Beide finden sich an einem malerischen Strand in der Normandie. In einem expressiv in den Himmel ragenden Atlantikwall-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg hat der auch als Fotograf hoch renommierte Wenders den idealen Hintergrund gefunden: Schönheit und Todessehnsucht finden in diesem Bild zusammen, und es vermag besser als die oft übergroßen Worte, die Gefühle des Paars zu beschreiben: „Ich erkannte, dass ich in meinem Leben noch nie einsam war“, lautet etwa einer dieser bleischweren Sätze, die Danny ganz am Anfang der in Rückblenden erzählten Geschichte zu sich selber sagt.

Genügend Wim-Wenders-Augenblicke

Unter allen Wenders-Filmen gleicht der Film, der im Deutschen „Grenzenlos“ heißt, am ehesten seinem Epos „Bis ans Ende der Welt“. Doch da war die etwas pathetische Liebesgeschichte nicht viel mehr als das Ticket für eine Weltreise durch die Zeiten, die wahre Attraktion des Films. Hier steht sie ganz für sich auf einem gewaltigen Sockel, und man kann Alicia Vikander und James McAvoy nur dafür bewundern, wie sie ihre schwach skizzierten Rollen ausfüllen und dieses Pathos mit Leben füllen.

Obwohl sich das Paar nur ein paar Urlaubswochen kennt, ist die Liebe bald so groß, dass allein die Sehnsucht Kontinente überbrückt. In Island zweifelt Danny an ihrer Berufung, in den Meerestiefen tatsächlich für eine wissenschaftliche Veröffentlichung bis ans Ende der Welt zu tauchen. James wird derweil in Somalia vom „Islamischen Staat“ gefoltert, wo er sich in den wenigen lichten Momenten in Erinnerungen an sie flüchtet. Wenders, der Ästhet, hat Vikanders Schönheit oft genug in Großaufnahmen eingefangen, um immer wieder eine davon einzuschneiden.

Das alles klingt so konstruiert wie es tatsächlich ist, die Romanvorlage entstammt der Fantasie des britischen Kriegsreporters J. M. Ledgard. Vielleicht inspiriert der „Krieg gegen den Terror“ tatsächlich einmal ein zweites „A Farewell to Arms“ und wenn, dann wäre Wim Wenders wohl eine gute Wahl für die Regie.

Wer seinem Kino treu ist, wird auch in „Submergence“ noch genügend Wim-Wenders-Augenblicke finden, die diesem objektiv misslungenen Film einen Platz in seinem Werk zuweisen: Eine Tauchszene am Anfang, die farbigen, irrealen Strandlandschaften – und zwei Schauspieler, die seine Vision besser auszudrücken vermögen, als es ihre Dialoge nahelegen.

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