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Götz George ist tot Eine Klasse für sich

Der Schauspieler Götz George stirbt im Alter von 77 Jahren. Beliebt als Schimanski, berühmt als Charakterdarsteller: Mit Götz George starb Deutschlands vielleicht größter lebender Filmstar.

Mit Götz George starb einer der großen deutschen Weltstars. Foto: dpa

Wenn man über Filme sagt, sie seien größer als das Leben, macht man es gern an den Stars fest, die darin spielen. Götz George gehörte zu den wenigen deutschen Filmschauspielern, die allein durch ihre Mitwirkung einen Film in eine andere Klasse heben konnten. Denn er war eine Klasse für sich.

Als er 1981 in der Tatort-Folge „Duisburg-Ruhrort“ zum ersten Mal den Kommissar Schimanski spielte, blickte er bereits auf eine Karriere von 28 Jahren zurück. Er hatte 1953 im Heimatfilm den „weißen Flieder“ blühen gesehen, sich in den Sechzigern in Karl-May-Filmen wie „Der Schatz im Silbersee“ und „Unter Geiern“ als junger Actionheld bewiesen. Und, auch wenn man sich kaum daran erinnerte, in einem der bedeutendsten deutschen Nachkriegsfilme gespielt, „Herrenpartie“ (1964): Wolfgang Staudtes beißende Satire handelt von der Jugoslawienreise eines Männergesangsvereins, der vornehmlich aus Altnazis besteht. Immer wieder wählte Götz George in seiner Karriere Rollen, die an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern. Sein Vater, der bedeutende Schauspieler Heinrich George, hatte dem Regime in Propagandafilmen wie „Hitlerjunge Quex“ und „Jud Süß“ gedient.

Götz George war ein vielseitiger und talentierter Schauspieler, doch das allein vermochte seinen Erfolg nicht zu erklären. Er besaß eben jenes auch unter großen Filmstars seltene Etwas, das man den Befehl zum Hinsehen nennen könnte. Egal, was er in einer Rolle anfing, man sah ihm einfach zu. Er besaß eine Leinwandpersona von internationalem Format, in Deutschland war sein einziger Rivale sein Freund Horst Buchholz.

Als Schimanski formte er einen gänzlich neuartigen Typ des TV-Aufklärers, der die Ordnungsutopien des beliebtesten deutschen Fernsehformats grundsätzlich hinterfragte: Was ist diesseits, was ist jenseits vom Gesetz, wenn der Underdog den Sheriff gibt? Gleichermaßen grobschlächtig wie nobel rettete er als Schimanksi eine ungeschönte Maskulinität in die Popkultur der achtziger Jahre. Und gab ganz nebenbei dem Fernsehen zurück, was dem deutschen Kinofilm schon abhanden gekommen war: das Genre.

Für eine Augenblick schien es gar, als ließe sich allein dank Götz George auch in Deutschland wieder lustvolles Actionkino produzieren. Hajo Gies’ erfolgreiche Schimanski-Kinofilme „Zahn auf Zahn“ und „Zabou“ bereiteten den Boden für Dominik Grafs grandiosen Gangsterfilm „Die Katze“.

Damals, Ende der achtziger Jahre, konnte man auf jeder deutschen Medienparty dieselbe Frage hören: „Wo sind eigentlich die Stars des deutschen Films geblieben?“ Als hätte es nur Trickfiguren auf der Leinwand gegeben. Nein, die Schauspieler waren nie der Grund für die Krisen des deutschen Films. Ganz im Gegenteil: Sie waren die ersten Opfer, als sich der Autorenfilm der sechziger Jahre vom ungeliebten „Opakino“ der Nachkriegszeit absetzte – und mit älteren Schauspielern kaum etwas anzufangen wusste.

Der Sohn des Ufa-Stars Heinrich George kritisierte diese Misere offen: „Lebte mein Vater noch“, sagte er einmal, „hätte er vielleicht als absolute Anerkennung seiner Kunst einen Tatortkommissar angeboten bekommen.“ In seinem vorletzten Film, „George“, spielte er schließlich seinen Vater, der 1946 in russischer Lagerhaft gestorben war. Dass er da bereits zwanzig Jahre älter war als sein Vater je geworden ist, sah man ihm nicht an. Umso mehr erkannte man die Ähnlichkeit, die sich schon lange in einem unverkennbaren Sprachduktus und der heiseren Stimme bemerkbar gemacht hatte.

Tatsächlich war Götz George vielleicht der einzige Star, der bruchlos von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart agierte. Anspruchsvolle Rollen nahm Götz George dankbar an, oft fühlte er sich unterfordert.

Ich erinnere mich, wie er einmal nach einer großen Schimanski-Premiere in der Essener Zeche Zollverein eine Reporterin anfuhr, die ihm dankte, dass er die ganze Vorführung durchgehalten hatte: „Ich kam ja nicht raus aus meiner Reihe.“

Wie eine lästige Pflichtübung ließ er seine erfolgreiche Fernsehrolle da erscheinen, deren Ruhm ihm scheinbar nichts bedeutete. Doch auch das war Teil seines Erfolges. Neben seiner alterslosen Jugendlichkeit war es jene Mischung aus Neugier und Verweigerung, die ihn eine der längsten Schauspielerkarrieren im deutschen Film erleben ließ. Vor zwei Jahren kündigte er „nach 65 Arbeitsjahren“ seinen Rückzug an. Zuletzt spielte er im ARD-Kriminalfilm „Böse Wetter“ einen Harzer Bergbau-Baron.

George, der sich früh aus dem Schatten seines Vaters hatte spielen müssen, sah keinen Eigenwert darin, ein Star zu sein. So wurde das Ringen um das Selbsterreichte über die Jahre zum Teil seines Rollenbildes. Es war spürbar in der besonderen Energie seines Spiels und jener Rastlosigkeit, die Actionszenen denkbar natürlich erscheinen ließ und Kammerspielauftritte wie im Welterfolg „Der Totmacher“ mit einer fast gespenstischen Spannung auflud. Aber auch diese Energie erinnerte wiederum, und hier schloss sich der Kreis, an die großen Charakterrollen seines Vaters in Filmklassikern wie „Metropolis“ oder „Der Postmeister“.

Mit Götz George verliert der deutsche Film einen seiner vielseitigsten Schauspieler, der für drei Zuschauergenerationen ein Star gewesen ist. In den frühen sechziger Jahren war er als jugendlicher Liebhaber in Komödien wie Kurt Hoffmanns „Liebe will gelernt sein“ ebenso erfolgreich wie als Actionheld im europäischen Western. Zugleich spielte er 1963 einen KZ-Häftling in Edwin Zboneks „Mensch und Bestie“. In Theodor Kottulas WDR-Fernsehfilm „Aus einem deutschen Leben“ (1978) – basierend auf der Biografie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß – stellte er den willfährigen Vollstrecker Franz Lang dar, später, im Drama „Nichts als die Wahrheit“, agierte er als Josef Mengele. Parallel dazu pflegte er sein komisches Talent in Helmut Dietls Satiren „Schtonk!“ und „Rossini“. Die Brücke zwischen diesen so entgegengesetzten Rollenfächern war der Anspruch, den er an seine Arbeit stellte.

Kaum eine Filmgeschichte ist so wechselhaft wie die deutsche. Mal ist der Autorenfilm gefragt, mal das Publikumskino, mal ist das Kino das Maß der Dinge, mal das Fernsehen. Und nur sehr selten sieht man all diese Facetten als unverzichtbare Seiten einer Filmkultur. Götz George ließ diese Gräben in seiner Seriosität verschwinden, weshalb man ihn liebte und umwarb wie kaum einen zweiten Schauspieler. Schwer zu sagen, wo man ihn mehr vermissen wird – in der so genannten Filmkunst oder in der so genannten Unterhaltung.

Bereits am 19. Juni starb Götz George, wie erst am Sonntagabend bekannt wurde, nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin. Im Juli wäre er 78 Jahre alt geworden.

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