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„Get Out“ Rat mal, wer zum Essen kommt

Schlottern leicht gemacht: Der Rassismus-Thriller „Get Out“ ist das Regiedebüt des Fernsehkomikers Jordan Peele und ein neuer Höhepunkt des aktuellen Triumphzugs afroamerikanischer Filmemacher.

"Get Out"
Wie konnte er in diese Situation geraten? Welche Situation? Daniel Kaluuya als Chris Washington, der die Warnung des Filmtitels eindeutig zu spät beachtet. Foto: dpa

Fans von Horrorfilmen blicken mit Argwohn auf die Länge einer Filmkritik: Manchmal ist schon ein Wort genug, um dem Schrecken die Spannung zu nehmen. Oder gleich beides auf einmal zu verscheuchen. Dabei liegt gerade bei diesem Genre besonders viel im Auge des Betrachters.
Diese alptraumhafte Odyssee eines jungen, erfolgreichen Afroamerikaners in die gruselige Oberschichtsfamilie seiner weißen Freundin nimmt uns nicht einmal die erste, grobe Einschätzung ab: Ist es bei allem Grusel nicht doch „nur“ eine Parodie?

Seit seiner Mitternachtspremiere beim amerikanischen Sundance-Festival scheiden sich darin die Geister. Immerhin ist es das Regiedebüt des Fernsehkomikers und Komödienautors Jordan Peele. Doch während sich die einen darin offenbar zum Lachen ermuntert fühlen, haben andere nach dem Kinobesuch ihre liebe Mühe, ihre Knie wieder als belastbare Gelenke zu verwenden. Aber ist das bei Horrorfilmen nicht ohnehin so müßig zu entscheiden wie die Frage, ob Kitzeln nun eher eine Quälerei oder eine Lust sei?

Wer es eindeutig haben möchte, dem sei jedenfalls schon einmal der zeitgleich in den Kinos anlaufende Monsterfilm „Shin Godzilla“ empfohlen. Nach Fukushima ist das Urzeitwesen nicht zu Späßen aufgelegt.

Die ersten vier Minuten von „Get Out“ gehen jedenfalls bereits durch Mark und Bein. Ein junger Afroamerikaner wird in einem nächtlichen Vorort Opfer einer Entführung. Die Hauptfarbe des Angreifers bleibt zunächst unklar, die symbolisch aufgeladene Oldtimer-Limousine jedenfalls könnte weißer nicht sein, ebenso wie der Swing-Titel, der aus den Fenstern klingt: „Run Rabbit, Run“ ist ein fast vergessener Oldie des britischen Swing-Komiker-Duos Flanagan and Allan. Den Höhepunkt ihres Ruhms erlebten die beiden während des zweites Weltkriegs. Zwischen Bombennächten erfreute sich dieser makabrere Abgesang an das freitägliche Hasen-Schlachten auf einem Bauernhof jedenfalls großer Beliebtheit.

Nun erst lernen wir die Hauptfigur kennen, den erfolgreichen, von Daniel Kaluuya gespielten Fotografen Chris Washington. Alison Williams aus der Fernsehserie „Girls“ bemüht sich in der Rolle seiner Freundin, ihre stahlblauen Augen mit entsprechender Coolness zu umgeben.
Man glaubt der urbanen Schönheit gerne ihre kokett eingeworfene Distanz zum großbürgerlichen Flair ihres Elternhauses, wo man freilich so ganz und gar nichts gegen Schwarze haben will. Ob das stimmt, muss sich allerdings erst noch erweisen.

Zu den vielen Filmklassikern, die in dieses cinephile Drehbuch eingeflossen sind, zählt die Gesellschaftskomödie „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967) über eine ähnliche Konstellation. So bahnbechrend Norman Jewisons Film seinerzeit in der Darstellung latenter Ressentiments einer weißen Bildungsschicht erschien, so sehr schmeichelte er doch letztlich deren Toleranz. Heute gilt dieser Film selbst als entlarvendes Beispiel für Hollywoods Doppelmoral, die letztlich nur eine weiße Perspektive erlaubte und die Realität der Black-Panther-Ära völlig ausblendete. So gesehen ist „Get Out“ also schon eine Parodie, aber worauf es dann hinausläuft, weiß man dennoch nicht – wie gesagt: „Rat mal, wer zum Essen kommt“.

Sonderlicher als die bigotten Weißen erscheinen dem aufmerksamen Gast freilich die wenigen Schwarzen, die er dort antrifft: Eine Haushälterin verhält sich wie eine Südstaaten-Mammy aus noch weiter zurückliegenden Kinozeiten. Und der merkwürdige afroamerikanische Begleiter einer dreißig Jahre älteren Society-Lady, kommt ihm trotz seines geckenhaften Anzugs sogar irgendwie bekannt vor. Sollte uns da bereits eine Beziehung zum Entführungsfall vom Anfang dämmern?

Bis wir dahinter steigen, erleben wir noch mehr als ein filmisches Déjà-vu: Von „Shining“ und „A Clockwork Orange“ über den Christopher-Lee-Klassiker „Wicker Man“ bis hin zu „Ich folgte einem Zombie“. Bald merkt der Protagonist, dass er für die vielen Rätsel seines Aufenthalts von seiner Freundin wenig mehr Erklärungen bekommen wird als leere Entschuldigungen für ihre Familie. Telefonate mit seinem besten Freund in der Stadt, einem ehrgeizigen Sicherheitsbediensteten, helfen zunächst auch nicht weiter: „Weißt du nicht, dass weiße Leute schwarze Männer als Sklaven halten?“

Für die Warnung des Filmtitels ist es da jedoch schon zu spät: „Get Out“ – Das ist nicht nur für den tragischen Helden leichter gesagt als getan. Selbst nach dem Abspann hat man seine liebe Not, es aus dem Kino zu schaffen, und das Zwerchfell trägt dabei weit weniger Schuld als die weichen Knie.

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