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George A. Romero Horror als Kapitalismuskritik

Zum Tod von George A. Romero, der als Regisseur von „Die Nacht der lebenden Toten“ Filmgeschichte schrieb. So einflussreich seine Zombie-Schocker waren, verlor er doch lange den Anschluss an die „Avantgarde“, die er einst begründet hatte.

George A. Romero
George A. Romero. Foto: afp

Als George A. Romero „Die Nacht der lebenden Toten“ drehte, galten Horrorfilme als Kinderunterhaltung. Als der US-Kritiker Roger Ebert diesen ersten modernen Zombiefilm in einem rappelvollen Chicagoer Vorortkino rezensierte, waren gerade einmal zwei Zuschauer über 16. Die meisten waren unter zehn und von ihren Eltern an der Kasse abgeliefert worden.

Den Schauplatz der ersten Szene begrüßten sie mit freudigem Johlen: Einen Friedhof. Auch der erste Zombie, der ein Teenagerpärchen verjagt, entsprach trotz eines recht realistischen Verwesungs-Make-ups durchaus den Erwartungen. Bald jedoch herrschte gespenstische Verwirrung unter den Kindern.

Die Übermacht der Zombies, das Ausweiden und Verspeisen der Leichen, hatte aufgehört, lustig zu sein. „Da war ein kleines Mädchen, das mir gegenüber vom Gang saß“, schreibt Ebert, „vielleicht neun Jahre alt, das sehr still in seinem Sitz saß und weinte. Ich glaube nicht, dass die jüngeren Kinder überhaupt begriffen, was sie dort erwischt hatte.“

Handkamera-Realismus statt Künstlichkeit 

Natürlich war das, was die Kinder so schockierte, zugleich die Qualität dieses Films, auch wenn Ebert darüber ganz vergaß, sie zu benennen. In schmutzigem Schwarzweiß hatte Romero einen Handkamera-Realismus entwickelt, der die vom phantastischen Kino erwartete Künstlichkeit völlig beiseite wischte.

Nichts war mehr übrig von der verführerischen Jenseitigkeit, mit der Jacques Tourneurs Klassiker „Ich folgte einem Zombie“ das Publikum umschmeichelt hatte. Vor allem aber fehlt jede glückliche Auflösung. Als der afroamerikanische Protagonist Ben (Duane Jones) zum Ende potentielle Hilfe nahen hört, erschießt ihn die Zombie-jagende Bürgerwehr. Körnige Standfotos zeigen, wie sein Leichnam mit Fleischerhaken auf den Haufen toter Zombies gezogen wird. „Die größten Monster sind doch sowieso unsere Nachbarn“, sagte Romero später im Interview.

Die Dissonanzen der Filmmusik scheinen zugleich den alltäglichen Rassismus zu untermalen, ebenso wie sich Kriegsbilder aus Vietnam in der Gewaltorgie spiegelten. Längst gilt „Night of the Living Dead“ als Klassiker des modernen Films. Das Museum of Modern Art besitzt seit den 80er Jahren eine Kopie, seit 1999 ist er als schützenswertes Kulturgut im Nationalen Filmregister eingetragen. Auch wenn Romero den Erfolg dieses Kultfilms 1978 mit „Zombie“ noch wiederholen konnte, blieb die expressive Schönheit seines Erstlings mit seinen verkanteten Kameraeinstellungen unerreicht.

Aber auch „Zombie“ blieb unvergesslich – insbesondere wenn man wie der Autor dieser Zeilen das Glück oder Pech hatte, nun selbst als Kind mit den explodierenden Zombie-Schädeln konfrontiert zu werden: Ein Trailer im Vorprogramm des James-Bond-Films „Moonraker“ ließ keine Fragen offen.

Tatsächlich herrschte auch Ende der 70er noch eine große Unsicherheit im Umgang mit expliziten Horrorfilmen. Die unterschiedlichen Interessen von Verwertern und Zensoren führten zu einer Fülle unterschiedlicher Schnittfassungen. Weithin Einigkeit herrscht freilich über die Interpretation des Films als Kapitalismuskritik. So tummeln sich die Untoten am liebsten dort, wo sie auch im Leben am glücklichsten waren – in einer Shopping Mall.

Sozialkritik charakterisiert auch Romeros weniger bekannte Werke wie die romantische Komödie „There’s Always Vanilla“ (1971) oder „Crazies“, einen Horrorfilm über einen entfesselten Kampf-Virus. Wie die meisten seiner Filme spielten sie in Romeros Lieblingsstadt Pittsburgh.

So einflussreich seine Zombie-Schocker waren, verlor er doch lange den Anschluss an die „Avantgarde“, die er einst begründet hatte. Erst im Jahre 2005 gelang ihm, zwanzig Jahre nach „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ (1985), ein triumphales Comeback mit dem apokalyptischen „Land of the Dead“. Fast die ganze Erde war nun in der Gewalt von Untoten, aus deren Augen es unheimlich und doch unwiderstehlich leuchtete.

78-jährig ist George A. Romero am 16. Juli nach kurzer Krankheit an Lungenkrebs gestorben. Wie seine Familie mitteilte, hörte er gerade den Soundtrack eines seiner Lieblingsfilme, der so ganz anders war als das, wofür er selbst bekannt war: John Fords Klassiker „The Quiet Man“ („Der Sieger“).

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