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Gaspar Noé „Love“ Die nackte Langeweile

Noch nicht mal peinlich - dabei hat selten ein Film so offensichtlich auf Skandal geschielt wie Gaspar Noés „Love“. Wenn Karl Glusman als Murphy nicht gerade seinen Penis in die Kamera hält, führt er dumpfe, quälende Selbstgespräche, was zu größtmöglicher Monotonie führt.

26.11.2015 15:07
Frank Olbert
Abgeschmackte Schlafzimmerästhetik, dazu eine Zigarette. Foto: Alamode Film

Als Gaspar Noé im Frühjahr in Cannes zu Gast war, genügte ein einziger Satz, um für lange Schlangen vor dem Kino zu sorgen: „Realer Sex in 3D.“ Diese Information trifft „Love“ in der Tat ziemlich genau, denn schon die allererste Szene ist ein Tableau Vivant mit zwei Hauptdarstellern, die sich gerade gegenseitig befriedigen. Man könnte „Love“ auch umstandslos als Porno bezeichnen, stammte dieser Film nicht von der Skandalnudel Noé.

Der in Argentinien geborene, aber weitgehend in Frankreich sozialisierte Regisseur mag sich wie in „Irreversibel“ in Bluträusche oder nun in explizite Sexspiele hineinsteigern – am Ende will er doch noch mehr. So wird man den Verdacht nicht los, dass „Love“ tatsächlich das Wesen der Liebe erkunden will, mit allem, was dazugehört: Lust und Leidenschaft, aber auch Romantik und blindes Vertrauen und am Ende Liebeskummer.

Die Geschichte hat vermutlich auf eine einzige Drehbuchseite gepasst: Erst war Murphy mit Electra zusammen, und sie hatten Spaß, bevor sie sich trennten. Inzwischen sind zwei Jahre vergangen und er ist mit Omi und dem gemeinsamen Sohn Gaspar (!) in einer Familienhölle gefangen, in der er sich nicht nur aus lauter Verzweiflung ein Bäuchlein und einen unsympathischen Schnäuzer hat wachsen lassen – auch sehnt er sich in langen inneren Monologen zu seiner einstigen Geliebten zurück, was dem Film seine zahlreichen sexuell aufgeladenen Rückblenden beschert.

Mit anderen Worten: Wenn Karl Glusman als Murphy nicht gerade seinen Penis in die Kamera hält, führt er dumpfe, quälende Selbstgespräche, was just in diesem Wechsel bald zu größtmöglicher Monotonie und Langeweile führt. Insgesamt bringt es „Love“ auf 140 Minuten.

Die füllt Noé außer mit Liebesakten, denen man sehr bald mit Gleichgültigkeit beiwohnt, mit allerhand Referenzen, die er offenbar für Kunst hält. So ist Murphy ein Cineast aus Fleisch und Blut, der drauf und dran ist, einen Film aus „Blut, Sperma und Tränen“ zu drehen. Mehr Wink mit dem Zaunpfahl geht eigentlich nicht.

Oder doch: Ein Galerist, mit dem die Kunststudenten Murphy und Electra befreundet sind, trägt den Namen Noé – dass Murphys Sohn Gaspar heißt, haben wir bereits erwähnt. Hier scheint also ein Regisseur seine ureigenen, inneren Obsessionen auszuloten wollen, indem er sie nach außen in eine von Liebe und Hass überkochende Geschichte kehrt. Bloß kocht hier gar nichts über, weil Noé noch das kleinste Zucken der Psyche so fein säuberlich benennt und analysiert, dass die Liebe in „Love“ ganz und gar geheimnislos bleibt.

Suche nach Skandal und Stilbruch

Selten hat ein Film so offensichtlich auf Skandal und Tabubruch geschielt wie dieser, und vielleicht noch seltener sorgte diese Anstrengung für eine solche Teilnahmslosigkeit seitens des Betrachters wie „Love“. Noch nicht einmal peinlich ist dieser Film, oder nur insofern, als seine Konstruktionen und Behauptungen einfach nur grotesk und angeberhaft sind. Den Höhepunkt der ausgestellten Emotionen bildet eine Szene, in der Sohn Gaspar zu Papa Murphy in die Badewanne steigt und beide zu weinen beginnen. Während der Vater um die Geliebte trauert, vergießt das Kind Tränen für den Mann – auch das ist Liebe, will uns Noé sagen, und deshalb tauchen er und sein Kameramann Benoît Debie auch dieses familiäre Tête-à-Tête in das unerträglich schwül-rote Licht, in dem alle anderen Liebesszenen baden.

Oft wird Noé für seine optische Extravaganz geschätzt. In „Love“ erschöpft sich sein Stilwille in geradezu abgeschmackter Schlafzimmerästhetik und Diskokugeln, die zu hämmernden Klängen stillstehen. Damit immerhin sind sie ein taugliches Sinnbild für diesen Film. Dem Agent Provocateur ist die Provokation abhandengekommen.

Love. Frankreich/ Belgien 2015. Regie: Gaspar Noé. 140 Min.

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