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„Fridas Sommer“ Von früher Neugier und Trauer

Carla Simóns Debütfilm „Fridas Sommer“ erzählt die Verlusterfahrung einer Sechsjährigen.

26.07.2018 10:11
Film "Fridas Sommer"
Kamerabilder von erlesener Qualität, in ihnen Laia Artigas als Frida. Foto: epd

Die Geschichte des unabhängigen Kinos ist eine Geschichte der Kinder. Von Charlie Chaplins erstem Langfilm „The Kid“ über Jean Vigos Schülerfilm „Betragen ungenügend“ zu Morris Engels und Ruth Orkins „Little Fugitive“, den François Truffaut als Inspiration für seinen eigenen Erstling nannte, natürlich einen Film über das Heranwachsen, „Sie küssten und sie schlugen ihn“. „Fridas Sommer“, der Erstling der katalanischen Filmemacherin Carla Simón, gehört durchaus in diese ruhmreiche Reihe. Von der ersten bis zur letzten Einstellung bleibt die Regisseurin der Perspektive einer Sechsjährigen treu.

Die Tragik von Fridas Existenz steckt in den Augen der faszinierenden Laia Artigas in der Hauptrolle. Um zu begreifen, was ihre Filmfigur nur in Ansätzen zu verstehen scheint, muss man den Kamerabildern, die sie dominiert, bis an ihre Ränder folgen und auf das im Hintergrund Gesagte lauschen. So ist das, wenn man Kind ist: Alle reden über einen als bekomme man nichts davon mit.

Nach ihrem Vater hat sie auch ihre Mutter verloren, die den Folgen einer HIV-Infektion erlegen ist. Dass auch das Kind den Virus in sich tragen muss, lässt sich an der aufgeregten Reaktion der Mutter einer Schulkameradin ermessen, als Frida einmal am Knie blutet. Sie selbst scheint nicht zu wissen, warum sie so oft zum Arzt gehen muss.

Doch dieser im Sommer des Jahres 1993 angesiedelte Film ist kein Krankheitsdrama. Er handelt von wenig mehr, als ein Kind verstehen kann, und versucht zugleich den Überschuss dessen, was ein Kind sensuell aufnimmt und das Erwachsene nicht sehen, in Bilder zu fassen. Diese Kamerabilder von Santiago Racaj sind von erlesener, aber nie ästhetisierender Qualität. Ihre farbigen Akzente wie die munteren Primärfarben von altem Plastik stehen in sinnstiftendem Kontrast zum Ernst der Handlung.

Es ist ein Film über das Erleben von Verlust in einer Lebensphase, die üblicherweise mit dem Entdecken von Neuem verbunden wird. Das kleine Mädchen Frida zieht von der Stadt aufs Land, zur Familie der Schwester der Mutter, die sie liebevoll, aber doch mit anfangs sichtbarer Distanz aufnimmt. Als Frida nicht eingreift, als ihre kleine Stiefschwester beinahe beim Spielen ertrinkt, zieht sie den Zorn der Eltern auf sich. Vielleicht hat ihre introvertierte, zu früh gereifte Art vergessen lassen, dass sie erst sechs Jahre alt ist.

Die Regisseurin Simón hat den Film ihrer eigenen, früh verstorbenen Mutter gewidmet, und man ahnt sofort, dass all das nicht erfunden sein kann. Den Verlust der Eltern hat sie ebenso erlebt. Und auch das verbindet ihr imponierendes Debüt mit den anderen großen Kindergeschichten: Jeder einzelne dieser Klassiker hatte auch eine autobiographische, manchmal semidokumentarische Komponente. Die frühe Kindheit, diese Zeit, in der das Sehen, Fühlen, Hören und Riechen eindrücklicher ist als Worte, ist nicht umsonst ein ideales Kinothema.

„Fridas Sommer“ lief auf der letzten Berlinale in der sogenannten Kplus-Sektion, was wohl heißen soll, dass ihr ideales Publikum in Kindern und Erwachsenen besteht. Wie eigentlich immer, wenn Kinder einen Film ansehen. Im Kinomarkt aber bedeutet das leicht, in eine Ritze zwischen den Stühlen zu fallen. In diesem Fall wäre das fatal: Allein der Schlussakkord, in dem sich die aufgestaute Emotionalität urplötzlich Bahn bricht, hallt vielleicht länger nach als mancher Kinosommer.

Fridas Sommer. Spanien 2018. Regie: Carla Simón. 96 Min. 

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