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„Freiheit“ Nichts mehr zu verlieren

Zärtlich und formvollendet inszeniert Jan Speckenbachs Film „Freiheit“ eine weibliche Ausbruchsutopie mit Johanna Wokalek.

"Freiheit"
Eine Frau (Johanna Wokalek, l.) geht einfach weg und macht dies und das. Foto: epd

Manchmal sind Filme dann auch zu gut für die Welt. Als Jan Speckenbachs Film „Freiheit“ auf dem Filmfestival Locarno lief, ragte er aus einem durchwachsenen Wettbewerb heraus wie ein Fels in der Brandung – und wurde doch tatsächlich seines Themas wegen zum Stein des Anstoßes. 

Was für eine Intensität entfachte darin eine Frauenfigur, rätselhaft und von andauernder Faszination: Johanna Wokalek spielt darin eine junge Mutter, die ziellos, aber nicht verloren durch Osteuropa streift, während eine Parallelerzählung in die Familie blicken lässt, die sie dafür verlassen hat. 

Die Kritikerin der „Neuen Zürcher Zeitung“ dokumentierte in ihrem Verriss das Unverständnis von Teilen insbesondere des Schweizer Publikums. „Gerade erst machte die gute Nachricht Kunde, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden, zumal von Akademikerinnen – da kommt ein Film und rührt das Wohlgefühl einer neuen (wirtschaftlichen) Sicherheit, das Familiengründungen begünstigt, solcherart auf.“

Die Ausbruchsutopie einer Mutter aus gesicherten Verhältnissen wirkte offenbar als Provokation – und ließ viele, die es besser wissen sollten, nicht mehr unterscheiden zwischen Kunst und gesellschaftlichem Kommentar. Gerade das große Wort des Titels, „Freiheit“, diente manchen Kritikern als Bestätigung dafür, die hier ausformulierte Fiktion als gesellschaftlichen Kommentar zu deuten. Wie unerhört: Eine Frau, die allen Wohlstand nebst ihrer Mutterrolle einfach so links liegen lässt. „Denn das ist die Freiheit, die im reichlich grossspurigen Titel gemeint ist: auszubrechen aus der Saturiertheit, die Erfahrung der Unsicherheit zu machen.“ Na Gott sei Dank, dass es das wenigstens im Reich des Kunst noch geben darf. Und wenigstens die sollte ja für sich einfordern dürfen, was dieser Film verspricht, die Freiheit. 

Schon die ersten Bilder betreten eine metaphorische Ebene. Da streift die Protagonistin, die ihren Namen im Film ein paar Mal ändern wird, durch Wiens Kunsthistorisches Museum. Normalerweise wirken solche Szenen gestellt, doch man glaubt gern, dass sie sich im Strom der zahllosen Touristen treiben lässt, bis Pieter Bruegels „Turmbau zu Babel“ sie innehalten lässt, das Biotop der Gottvergessenen.

In der folgenden Szene fährt sie einfach Straßenbahn, blickt sinnierend aus dem Fenster, und als sie an der Endhaltestelle angekommen ist, fragt sie den Fahrer, ob sie darin warten kann, bis er sie wieder mit zurück fährt. Das ist unerhört genug, doch als sie dann noch untätig beobachtet, wie ein Junge dem Fahrer seine Kasse stiehlt, fällt diesem nichts mehr ein. 

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