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Frankfurter Premiere Ein Filmstar, eine Ärztin

„Ich friere auch im Sommer“, Hanna Laura Klars Dokumentation über Alexandra Kluge, die zwei Leben führte.

Alexandra Kluge
Alexandra Kluge 1967 bei der Bambi-Verleihung. Foto: imago

Wenn Alexander Kluge über seine Schwester spricht, verwendet er die Verben in der Gegenwartsform. „Meine Schwester ist meine innere Stimme“, sagt er. Doch Alexandra Kluge ist im vergangenen Jahr gestorben. Die Dokumentarfilmerin Hanna Laura Klar, die auch schon Beate Klarsfeld, Elfriede Jelinek oder Einar Schleef porträtierte, möchte mit „Ich friere auch im Sommer“ die zwei Leben der Alexandra Kluge darstellen, so der Untertitel.

Die Wendung, jemand habe zwei Leben geführt, passt selten so gut wie in diesem Fall. Alexandra Karen Kluge, 1937 in Halberstadt geboren, war ein Filmstar und eine Ärztin. Ihr Bruder, der Regisseur, Schriftsteller, Fernsehrevolutionär, besetzte sie für die Hauptrolle in seinem ersten Langfilm „Abschied von gestern“: Eine Tochter jüdischer Überlebender sucht nach einem Platz für sich in der Bundesrepublik. In seiner nichtlinearen Erzählweise und der dokumentarisch wirkenden Kühle brach dieser Film mit Sehgewohnheiten.

„Abschied von gestern“ gilt als programmatisch für den Neuen deutschen Film, wurde 1966 auf dem Festival von Venedig prämiert, erhielt das deutsche Filmband in Gold. Alexandra Kluge wurde jeweils als Beste Hauptdarstellerin geehrt. Doch als im Dezember 1967 „Der Spiegel“ seine Titelgeschichte dem jungen deutschen Film widmete, hieß es, sie wolle nicht mehr mitspielen, wolle sich „vom großen Apparat nicht verwursten lassen“. Nur noch zwei Mal übernahm sie eine Rolle bei ihrem Bruder. Dann war es wirklich vorbei.

Vom „Verwursten“ ist in Hanna Laura Klars Dokumentation keine Rede. Dafür spricht Alexander Kluge von einem „falschen Schönheitsideal“. Seine Schwester hatte nicht vor der Kamera alt werden wollen.

Tatsächlich gibt es neben kurzen Szenen aus Alexander Kluges Filmen keine Bilder Alexandra Kluges in „Ich friere auch im Sommer“, nicht einmal ein Foto. Die promovierte Medizinerin arbeitete seit den siebziger Jahren als Ärztin Karen Steinborn in Frankfurt am Main und Berlin. Ihrem Sohn war ihr Vorname Alexandra nicht geläufig, so deutlich ging der Schnitt zwischen den zwei Leben. Die Filmemacherin porträtiert die Ärztin gespiegelt in Gesprächen mit anderen: Freunde wie Arno Widmann (Autor der Frankfurter Rundschau), Kollegen, Patienten schildern sie als fürsorglich und zugewandt.

Wie gut Hanna Laura Klar diese Alexandra Kluge/Karen Steinborn selbst kannte, wird aus ihren wissenden Fragen deutlich. Weil sie ansonsten auf einen Autorkommentar verzichtet, stellt sich das Gefühl ein, sie habe dieses Porträt von Freunden für Freunde gemacht. Doch diese beiden Leben sind für alle am deutschen Film Interessierten die Wiederentdeckung wert.

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