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Forum / Panorama Das Maskottchen der Kalaschnikow-Bande

Mit „Art/Violence“, „Lamma Shoftak“ und „State 194“ thematisieren gleich drei Filme das schwierige Leben in Israel und Palästina zwischen Krieg und Frieden.

09.02.2013 15:51
Christina Bylow
Salam Fayyad in: „State 194“ von Dan Setton. Foto: Berlinale

Im April 2011 erschoss ein Killerkommando den israelischen-palästinensischen Regisseur Juliano Mer-Khamis vor seinem Theater im Flüchtlingslager von Dschenin. Er trug die Zerrissenheit Israels und Palästinas schon in seinem Namen: Sohn einer jüdischen Mutter und eines arabischen Vaters, 1958 in Nazareth geboren. Zwei Jahre vor seinem Tod hoffte er bereits nicht mehr auf ein besseres Leben in den besetzten Gebieten.

„Es ist falsch, in Dschenin Hoffnung zu haben. Denn das macht depressiv. Israel schafft immer neue Fakten, okkupiert noch mehr Land, zerstört jede Entwicklungsmöglichkeit Palästinas und verbaut mit der Mauer buchstäblich auch die Reste der palästinensischen Infrastruktur“. Zuvor waren Brandanschläge auf das Theater verübt worden, die Täter vermutete Mer-Khamis unter „religiösen, konservativen Traditionalisten“. Wer sonst lehne Musik und Theater ab?

Israelisch-palästinensische Co-Produktion

Wer Mer-Khamis ermordet hat, ist keine Frage, die der Film „Art/Violence“ stellt. Der israelische Filmemacher Udi Aloni und die beiden jungen palästinensischen Regisseurinnen und Schauspielerinnen Batoul Taleb und Mariam Abu Khaled ignorieren die Täter, nicht aber die Tat. „Art/Violence“ ist ein Aufschrei voller Verzweiflung und Vitalität, entschlossen subjektiv, aber niemals privat.

Eine hervorragend gemachte Collage aus HipHop, Animation, Theater-Videos und Dokumentation. In schlichten Handkamera-Szenen notiert der Film das Leben dreier Künstler im Ausnahmezustand, ihre Arbeit, die Verzweiflung am Grab des ermordeten Freundes ? ein Dokument des Zusammenhalts in einer Welt, in der jeder Position beziehen muss.

Mer-Khamis ermutigte vor allem junge palästinensische Frauen und Mädchen, Theater zu spielen und das in einer Umgebung, die Frauen noch immer den Innenraum zuweist. Nach dem Trauma spielte die verwaiste Truppe „Warten auf Godot“ – fast alle Männerrollen wurden von Frauen übernommen.

Ein kurzer Moment der doppelten Befreiung. Denn Frauen leben in Dschenin unter zweifacher Besatzung – durch die Israelis und durch die patriarchalische palästinensische Gemeinschaft, deren Kenntnis der eigenen Kultur durch die Besatzung zerstört wird. In „Warten auf Godot“ fragt Gogo: „Haben Sie uns unsere Rechte genommen?“ Und Gigi antwortet zynisch lachend: „Nein, wir haben sie aufgegeben.“ Der Film beweist das Gegenteil.

Oskar-nominierter Film „Lamma Shoftak“

Die jungen und nicht mehr jungen Menschen aus Dschenin haben nie etwas anderes erlebt als Besatzung und Gewalt. „Lamma Shoftak“ spielt in einer Zeit, in der die Generation ihrer Eltern traumatisiert und um ihre Existenz gebracht wurde: 1967, direkt nach dem Sechs-Tage-Krieg.

Die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir kennt das Exil, seit mehr als zwanzig Jahren lebt sie in Jordanien. Ihr zweiter Spielfilm „Lamma Shoftak“ wurde als palästinensischer Beitrag 2012 für den Auslands-Oscar nominiert und erzählt den Verlust des vertrauten Lebens aus der Sicht eines etwa zehnjährigen Jungen. Nirgends manipuliert sie mit traurigem Kinderblick und anderen gefühlsverstärkenden Zutaten. Der Junge ist ein Rechengenie, aber selbst unberechenbar und unkontrolliert in seinem Drang wegzulaufen. Ihn interessiert die Welt außerhalb des Flüchtlingscamps, in dem er mit seiner Mutter lebt, der Vater ist vermisst.

Jacir erzählt die Geschichte dieses Ausreißers fast wie ein Märchen. In bestechend schönen Großaufnahmen menschlicher Gesichter und der über alle erhabenen Wüste. Der Junge wird von einer Gruppe bärtiger Männer mit Kalaschnikow-Gewehren aufgenommen, wird ihr Maskottchen und blüht auf inmitten so viel kämpferischer Männlichkeit. Jacir aber zeichnet keine Helden, sie inszeniert das unbarmherzige Potenzial künftiger Extremisten mit. Als schließlich die Mutter des Jungen im Camp eintrifft und irgendwann in olivgrünem Kampfanzug trainiert, endet der Film – da, wo in der Realität die Terrorjahre begannen.

„Es war einmal ein Land“ überschrieb der 1949 geborene palästinensische Dichter und einstige PLO-Politiker Sari Nusseibeh seine Erinnerungen an das Leben in Palästina. Die Dokumentation „State 194“ bietet keine Einblicke in das Innenleben dieses Niemandslands. Er liefert vor allem Bilder des politischen Geschäfts, wie es sich in Limousinen mit dunklen Scheiben abspielt. Es sind Bilder einer machtlosen Macht, denn auch nach zweijährigen Versuchen der palästinensischen Autonomiebehörde unter Premierminister Salam Fayyad wurde Palästina von den Vereinten Nationen im Herbst 2011 nicht als Staat – als 194. – anerkannt.

Der Regisseur Dan Setton trug in einer aufwendigen Recherche zahlreiche Stimmen zusammen und verliert doch dabei den Faden in diesem disparaten Konglomerat von Zeitzeugen, die letztlich bloß Statement-Geber werden. Die schnittige CNN-Optik nimmt ihnen ohnehin jede Eigenwilligkeit.

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