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Florence Foster Jenkins O holde Kunst!

Das Kino feiert liebevoll und interessiert die Gesangs-Exzentrikern Florence Foster Jenkins mit einer Dokumentation und einem Spielfilm, in dem Meryl Streep, die „schlechteste Opernsängerin der Welt“ verkörpert.

09.11.2016 12:59
Von Anke Westphal
Meryl Streep als „Engel der Inspiration“. Foto: Constantin

Wenn sich gleich drei Filme in nur zwei Jahren mit einer realen Person befassen, dann muss diese schon ungewöhnlich interessant und geeignet sein für einen Anschluss an die Gegenwart. Florence Foster Jenkins, 1868 in Wilkes-Barre, Pennsylvania, geboren, galt als schlechteste Opernsängerin der Welt. Doch längst ist sie berühmter als, nur ein Beispiel, Celestina Casapietra, und die war sehr berühmt.

Mythen und Legenden ranken sich um Jenkins, die in den aberwitzigsten Phantasiekostümen auftrat und das Publikum mit ihrem Gesang erst zum schockstarren Verstummen und dann zum Lachen brachte. Sie traf keinen Ton, hielt sich aber selbst für eine großartige Koloratursopranistin. Sie nahm selbst nicht wahr, was ihr Publikum hörte – nämlich Gefiepe und Gejaule. Niemand sagte ihr je die Wahrheit. Dass sie ihre kuriose Gesangskarriere mit der größten Ernsthaftigkeit verfolgte, trug ihr indes Respekt auch bei jenen ein, die nicht zu ihren Anhängern zählten.

Woher kam diese Frau? Der wohlhabende Vater hatte der heranwachsenden Florence, wohl ebenso aus Selbstschutz wie tieferer Einsicht, verboten zu singen. Sie genoss jedoch Klavierunterricht und eine Ausbildung an Elite-Schulen. 1885 heiratete sie den Arzt Frank Thornton Jenkins, der sie mit Syphilis ansteckte. Damals übliche Quecksilber- und Arsen-Behandlungen gegen diese Geschlechtskrankheit führten dazu, dass ihr die Haare ausfielen – fortan musste sie Perücken tragen.

Die Ehe wurde 1902 geschieden, und nach dem Tod des Vaters 1909 verfolgte sie mit ihrem zweiten Mann, dem englischen Schauspieler St. Clair Bayfield, endlich ihren Lebenstraum, ohne jemals weiter Rücksicht zu nehmen, materiell abgesichert durch die Einkünfte aus den Bergwerken, die der Familie gehörten. 1912 gab Florence Foster Jenkins mit 44 Jahren ihr erstes Konzert. Bald eilte ihr ein Ruf als Kuriosum voran. Sie ging nach New York und erfand sich neu als exzentrische Diva.

Was für eine Geschichte! Sie schreit geradezu nach der Verfilmung! Der britische Regisseur Stephen Frears konnte mit beiden Händen aus dem Vollen schöpfen. Zu Beginn seines Films, der wie die Heldin heißt, schwebt Florence Foster Jenkins als „Engel der Inspiration“ auf die Bühne eines Varieté-Theaters, samt Flügelchen und Füllhorn. Da ist sie schon etabliert als – wie man heute sagen würde – „Event“, zudem Gründerin des Verdi-Clubs und Mäzenin zahlreicher weiterer Vereine, darunter des Orchesters „Damen in Not“.

Meryl Streep spielt diese Frau mit einem kleinen Lächeln, das nie weichen will, wobei ihre Augen beunruhigend glanzlos bleiben. Musik sei ihr Leben, sagt sie einmal verträumt, und schwärmerisch gibt sich Florence auch gegenüber ihrem weit jüngeren Gatten, dem sie eine eigene Wohnung finanziert, in der er mit seiner Geliebten lebt.

Was für Dramen offenbaren sich doch in den wunderschönen Kulissen dieses Films, ohne dass sie verbalisiert werden müssten! Gewiss sind es die Auftritte, die dem Film seinen überaus opulenten Schauwert verleihen. Die Hauptsache aber ist eine ganz andere: Alles läuft bei Frears auf eine punktgenaue Inszenierung der Gefühle hinaus, ob diese nun von Jenkins selbst vorgenommen wird – sie verstand sich perfekt darauf – oder vom Regisseur als Nachgeborenem und meisterhaften Figurenzeichner.

Sanft läuft Frears Film auf das totale Desaster der ersten Lied-Darbietung von Jenkins hin: Mit Cosmó McMoon hat sie einen Pianisten engagiert, der nun erstmals ihrem Gesangsunterricht beiwohnt. Man erlebt die Stunde mit seinen Augen – in den drei Stufen Ungläubigkeit, dann Lähmung, schließlich bodenlose Erheiterung – und bleibt fassungslos sowie tränennassen Auges zurück. „Niemand singt wie sie“, kommentiert ihr Gatte St. Clair Bayfield nüchtern. Wie wahr!

Fabelhaft verkörpert wird St. Clair Bayfield von Hugh Grant, der sich an der Seite der Mega-Schauspielerin Meryl Streep und ihrer gewohnten Grandezza-Performance in eine eigene Großklasse spielt. Wunderbar wahrt Stephen Frears noch in den absurdesten Szenen die Würde seiner tragikomischen Protagonistin in ihrem unbeirrbaren Berufensein. Nie wiegt er die Illusion gegen die Realität auf – schließlich waren ja auch etliche Leute existenziell abhängig von der Lüge, so zu tun, als sei Jenkins eine große Künstlerin.

O holde Kunst! In Xavier Giannolis Spielfilm „Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne“ reibt sich die Realität weit schartiger an der Illusion einer fiktiven Figur, die das historische Vorbild Jenkins nicht verhehlt.

Was aber steckte nun hinter diesem faszinierenden Wahn, sich selbst für eine hervorragende Sängerin zu halten? Handelte es sich um eine lebenslange Sinnes- oder Selbsttäuschung, gar um Größenwahn? Diese und andere Fragen werden in Ralf Plegers wunderbarem Dokumentarfilm „The Florence Foster Jenkins Story“ aufgeworfen, ohne dass letztgültige Antworten beansprucht werden. Eine Theorie besagt, dass die Syphilis samt Behandlungsmethoden das Gehör und zentrale Nervensystem von Jenkins dauerhaft geschädigt hatten. Den Rahmen der Doku bildet ein Interview , das Jenkins im Jahr 1944 dem „Musikfreund“ William Key gab anlässlich ihres später legendär gewordenen Auftritts in der Carnegie-Hall.

Auf dem Grammophon kreiselt als wiederkehrendes Motiv eine Melotron-Platte mit Aufnahmen von Jenkins, heute Liebhaberstücke. Archivaufnahmen aus dem damaligen New York sowie inszenierte Schauspieler-Tableaus, ein Radio-Interview mit McMoon, Gespräche mit noch lebenden Zeitgenossen wie dem Performance-Künstler Davie Lerner, mit Archivaren, Musikwissenschaftlern und Historikern evozieren ein komplexes Bild der Exzentrikerin, ihrer Beziehung zu Männern und durchaus emanzipierten Stellung in der Gesellschaft. Die Sängerin und Schauspielerin Joyce DiDonato charakterisiert Jenkins oft nur durch Blicke aus ihren scharfen Augen und eine Bewegung des breiten Mundes. Sowohl Frears’ als auch Plegers Film enden mit dem Tod der Diva, 1944 nach der Carnegie-Katastrophe, als sie erstmals die Wahrheit über sich lesen musste. Vorher waren Kritiker nie bei ihren Konzerten zugelassen.

„Manche mögen sagen, dass ich nicht singen kann… Aber keiner kann sagen, dass ich nicht gesungen haben“, sagte Jenkins mal. Es mag heute jedem ein Ansporn sein, wie man weit kommen kann, wenn man nur über seiner eigenen Unzulänglichkeiten hinwegsieht.

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