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Filmstart „The Tree of Life“ Der schmale Grat

Nach sieben Jahren Pause bringt Terrence Malicks einen neuen Film in die Kinos. In „The Tree of Life“ liegen Genialität und Banalität dicht beieinander. Das Drama mit Sean Penn und Brad Pitt geht es um Familienleben in den 50ern, letztlich aber um die Frage nach dem Sinn des Daseins.. (Mit Trailer)

Sean Penn als Jack in dem Drama "The Tree of Life" Foto: dapd

Gut Ding will Weile haben, ist sich die gewaltige Fangemeinde des amerikanischen Filmemachers Terrence Malick sicher. Oder wie die Amerikaner sagen: „You can’t rush art“, man kann Kunst nicht hetzen. Nur drei Filme hatte der 67-jährige Filmemacher seit seinem Langfilmdebüt „Badlands“ von 1973 gedreht, bis er im Mai sein ehrgeizigstes Werk vorstellte, „The Tree of Life“. Hat sich die Wartezeit gelohnt?

Eine Goldene Palme, vergeben vor vier Wochen in Cannes, spricht dafür. Doch wer die erste Vorführung in Cannes erlebte, der spürte ebenso viel Enttäuschung wie Begeisterung im Saal. Das Kuriose ist, beide Lager haben Recht, und man ist kein Feigling, das auch zuzugeben. Auf der einen Seite: Dies ist ein Film, der anders ist als jeder andere. Das allein ist genug für eine Goldene Palme.

Andererseits: Für jede genialische Passage darin findet sich mindestens eine banale. Und so einzigartig dieser Film ist, konnte man doch gerade erst ein ganz ähnliches Erlebnis haben: Bei der posthumen Kölner Uraufführung der Stockhausen-Oper „Sonntag aus Licht“. Beide Künstler streben nach dem Ausdruck des Erhabenen und betreten dabei unerobertes Terrain. Wahre Explosionen des Ausdrucks sind da zu erleben, doch welch ein Ballast an Überflüssigem wird mit in die Luft geschleudert.

Es dauert eine Dreiviertelstunde, bis die mit klassischer Musik unterlegten Weltraum- und Wolkenpanoramen vorübergehend innehalten. Bis Wasserfälle und Lavamassen den Blick freigeben auf ein scheinbares Familienidyll: Drei Söhne erfreuen sich der Liebe einer warmherzigen Mutter (Jessica Chastain), nur der herrische Vater scheint das Problem. Brad Pitt spielt den kirchentreuen und musikliebenden Pedanten so gut es geht als Spiegelbild jenes Geistlichen, gegen den er als Jungspund aufbegehrte in Robert Redfords „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ – dem Film, der ihm den Durchbruch verschaffte.

Brad Pitt mit verbissener hochgezogener Unterlippe

Und in der Tat, dieser Vater ist ein Problem: Da Malick der Figur nur wenige Dialogzeilen schrieb, muss Pitt die meiste Zeit mit einer verbissen hochgezogenen Unterlippe auskommen. Ist das der einzige Grund für das Scheitern dieser Szenen? Malick ist berühmt dafür, Dialoge auf ein Minimum zu bringen. Bei seinem Meisterwerk „In der Glut des Südens“ gelingt ihm so, unterstützt durch die Präsenz von Richard Gere, eine Erneuerung der Stummfilmästhetik. Doch wie weit ist er nun davon entfernt. Ursprünglich hatte der verstorbene Heath Ledger in diesem Film spielen sollen, vielleicht hätte er mehr mit Malicks intuitivem Regiestil anfangen können.

Aber auch die idealisierte Frauenfigur ist ein Problem, auch wenn die talentierte Jessica Chastain das Gewünschte wortlos zu vermitteln vermag. In Cannes gab sie Auskunft über die Arbeit mit Malick: „Er schickte mich ins Museum, um nach Vorbildern für meine Rolle zu suchen. Viele Stunden habe ich damit verbracht, mir Madonnen anzusehen. Dann sollte ich mir die Stimme von Hollywoodstar Lauren Bacall anhören. Terry glaubt, heute sprächen die meisten Menschen sehr schnell, aus Angst unterbrochen zu werden – und Lauren Bacall ist das Gegenteil. Und für den gewünschten Ausdruck von Unbewegtheit und Hingabe studierte ich Grace Kelly und Audrey Hepburn.“ Das Ergebnis dieser Mühen wirkt zwar in sich stimmig, aber doch wie aus zweiter Hand. Und fügt sich in ein Gesamtbild, das an ein trivialeres kunsthistorisches Vorbild denken lässt: Den Meister der ur-amerikanischen Idylle, Norman Rockwell.

Ein Film - 33 Jahre nach dessen Ankündigung

Geradezu sträflich vernachlässigt wirkt die Gestaltung der Filmkinder. Malick lässt sie über Wiesen tollen, zu Charakteren werden sie dabei nicht. So kommt es, dass sich auch der Weltschmerz von Mutter und Bruder (Sean Penn) nach dem Tod des jüngeren Bruders nicht vermittelt, obwohl Malick monumental alle Naturschönheiten aufbietet, unterlegt mit Smetanas „Moldau“ und den Klangschalen-Kompositionen Klaus Wieses.

Andererseits rufen viele von Malicks Montageszenen, die einen Gutteil der 138 Minuten füllen, auch Glücksgefühle hervor: Der weitgehende Verzicht auf digitale Effekte nimmt die visuellen Experimente der Filmavantgarde der 60er Jahre auf. Einige der schönsten abstrakten Szenen – ob sie kosmische oder mikrokosmische Wunder zeigen, bleibt offen – sind allein mit Farbe gestaltet, die sich in Wasser auflöst.

Sieben Jahre liegt Malicks letzter Film zurück, die Pocahontas-Geschichte „The New World“. Ganze 33 sind vergangen, seit der Autor und Regisseur erstmals ein Epos über Geschichte und Untergang der menschlichen Zivilisation ankündigte – damals eingebunden in ein Kriegsszenario. Das war 1978: Nach seinem betörenden Landarbeiterdrama „In der Glut des Südens“ hatte ihm ein Studio dafür einen gewaltigen Vorschuss ausgezahlt. Malick nahm das Geld und verschwand. Womit er dann 1998 zurückkam, war ein Kriegsfilm: „Der schmale Grat“, wahrscheinlich das Kunstvollste, was es in diesem Genre gibt. Nun hat Malick auch noch die andere Hälfte nachgereicht, doch was lange währt, wird in der Kunst nicht immer gut. Der Maler Erich Heckel drückte es einmal so aus: „Wie leicht passiert es, dass man ein Bild auf seinen Normalzustand zurückmalt?“

The Tree of Life. Regie: Terrence Malick. USA 2011, 138 Minuten.

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