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Filmstart "Die kommenden Tage" Zu ernst um gut zu sein

Der schlechteste Film mit der besten Besetzung: Lars Kraumes Film „Die kommenden Tage“ versammelt die Creme der deutschsprachigen Film- und Theaterszene, Stars wie August Diehl, Bernadette Heerwagen, Johanna Wokalek und Daniel Brühl. Was braucht man da noch ein gutes Drehbuch?

Das deutsche Kino gleicht inzwischen dem Opernhaus aus „Fitzcarraldo“. In Werner Herzogs Film wird es mit größter Anstrengung durch einen Urwald transportiert, um schließlich die besten Sänger und Musiker anzulocken. Die Frage ist nur, was setzt man auf den Spielplan? Das deutsche Kino verfügt inzwischen über Weltklasse-Schauspieler jeder Generation, erstklassige Bildgestalter, Ausstatter und Komponisten. Und es verfügt über genug Fördermillionen, um den teuren Betrieb in Gang zu halten. Wer will da noch auf gute Drehbücher warten?

Lars Kraumes Film „Die kommenden Tage“ versammelt die Creme der deutschsprachigen Film- und Theaterszene, Stars wie August Diehl, Bernadette Heerwagen, Johanna Wokalek und Daniel Brühl. Nessie Nesslauer, die legendäre Casterin, die Diehl einst entdeckte wie zuvor Franka Potente, hat die Rollen bestmöglich besetzt. Doch wer allein ihretwegen ins Kino geht, dem mag es ergehen wie dem Kritiker Siegfried Kracauer, als er über „Mata Hari“ schrieb: „Da kommt man ins Kino um die Garbo zu sehen, doch in welchem Unsinn muss man sie ertragen?“

Nur die Anwaltsfamilie feiert noch

Wir befinden uns in naher Zukunft, dem Jahr 2020, in dem Richard Fleischer einst seinen apokalyptischen Ökothriller „Soylent Green“ ansiedelte. Die Europäische Union ist zerbrochen und deutsche Soldaten werden in einen asiatischen Wirtschaftskrieg geschickt. Nur in der großbürgerlichen Anwaltsfamilie Kuper, wo man noch ausschweifende Feste feiert, hängt lediglich der Haussegen schief: Der neurotische Sohn mit den kurzen Hosen äußert den Verdacht, nicht der leibliche Sohn des Patriarchen zu sein. Den Verdacht teilen in der Familie einige. Nur die hysterische Mutter (Susanne Lothar), die es besser wissen müsste, fragt lieber rhetorisch, wofür sie denn eigentlich Philosophie studiert habe.

Die überhitzte Debatte wer man sei und wenn ja wie viele, findet erst ein Ende, als sich der Sohn zum Militär meldet und ein harter Junge wird. Auch seine älteren Schwestern verrennen sich in Fehlentscheidungen. Cecilia (Johanna Wokalek) verliebt sich in den eitlen Dandy Konstantin (August Diehl), den Drahtzieher einer Terrororganisation mit dem wohlklingenden Namen „Schwarze Stürme“. Und Laura (Bernadette Heerwagen) verliebt sich erst in einen etwas fanatischen aber gutmütigen Hobby-Ornithologen (Daniel Brühl). Und dann, als sich herausstellt, dass er keine Kinder mit ihr zeugen kann, ebenfalls in den Terroristen Konstantin. Nebenbei promoviert sie über Darwin.

Warum diesem unangenehmen Soziopathen gleich zwei intelligente Frauen verfallen, steht möglicherweise im Drehbuch. Sehen kann aber man es nicht, denn eine absurde Filmfigur wird nicht urplötzlich schillernd und charismatisch nur weil man sie mit August Diehl besetzt hat. Es wird auch keine Sonate aus Hänschen Klein wenn man es sich von Lang Lang auf dem Klavier vorspielen lässt.

Nicht jene unbestimmte Wut

Während sich also ein dekadentes Bürgertum, das Regisseur Lars Kraume wohl an Visconti erinnert, an seiner Gewalt und Leidenschaft entzweit, demonstriert das Jungvolk gegen die Herrschenden. Doch hier geht es nicht um jene unbestimmte Wut, die Hans Weingartner so gut getroffen hatte in seiner anarchischen Farce „Die fetten Jahre sind vorbei“. Für Kraume sind Demonstranten lediglich eine manipulierbare Masse, die sich willig agitieren lässt, wenn man sie durch Terroranschläge aufstachelt. Da reicht es, wenn der von August Diehl gespielte Brandstifter die Melone von Malcom McDowell aus „A Clockwork Orange“ auf dem Kopf trägt und sadistisch grinst. Ironisch aber sind solche Anleihen nicht. Alles nimmt sich schrecklich ernst.

Kraume versucht, die Anmutung einer nahen Zukunft mit Videomanipulationen herzustellen – etwa Bewegtbild-Displays auf den Autobussen. Einfachste Ausstattungsdetails aber sind dagegen unstimmig: So verfügen Berliner Straßen auch noch im anhaltenden Bürgerkrieg über ordentliche Blumenbeete und der bescheidene Öko-Aussteiger Daniel Brühl fährt mit seiner Freundin erste Klasse in der Bahn. Doch welches Gesellschaftsbild steckt dahinter? Alle Frauenfiguren agieren allein in Abhängigkeit von Männern. Und eine ganze Protestbewegung lässt sich willenlos von gelangweilten Bürgerkindern lenken. Kraume, der auch das Drehbuch schrieb, scheint sich nicht vorstellen zu können, dass es in Demokratie durchaus Gründe für Massenprotest geben kann, und das nicht erst in „naher Zukunft“ – man muss nur nach Stuttgart blicken.

Die Dekadenz aber, von der „Die kommenden Tage“ erzählt und die in der mit einer reichen Kunstsammlung dekorierten Lounge-Wohnung ihre Schaltzentrale hat, besitzt durchaus ein Vorbild in der Wirklichkeit. Es ist eine maßlos gewordene Förderkultur, die das Teure und Pompöse über das künstlerisch Überzeugende stellt. Die Qualität eines Drehbuchs, die Überzeugungskraft eines Regiekonzepts, spielen beim Deutschen Filmförderfonds keine Rolle mehr. Welches Prestige will man damit gewinnen? Wie lange soll die Party noch weitergehen? Auf internationalen Festivals kann man einen Film wie diesen kaum unterbringen. Zuletzt war Lars Kraume als Produzent des Matthias-Glasner-Films „This is Love“ im Kino vertreten. Das hochgezüchtete Pädophilen-Melodram fand ganze 21.173 Zuschauer.

Die kommenden Tage, Regie: Lars Kraume, Deutschland 2010, 129 Minuten.

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