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Filmrevue Kulturelles Kuriositätenkabinett

Eine filmische Revue auf Arte erkundet augenzwinkernd die Kulturgeschichte des Fisches.

Sie sind unter uns. Und das schon seit Anbeginn der Zeit. Sie haben sich in unsere Kultur, unsere Kirchen und unsere Küchen geschlichen. Die Fische. Saibling, Sardine, Seepferdchen, Salzhering. Wolfsbarsch, Wassersau und Kabeljau. Aal, Rochen, Schell-, Gold-, Flug-, Rotz-, Spritz-, Platt- und Vampirtintenfisch. Die „Kulturfisch-Revue“ aus der Filmwerkstatt von Thomas Schmitt ist genau das, was der Titel verspricht. Eine Anordnung von Clips zur kulturellen Verankerung und Bedeutung des Lebewesens Fisch. Wer jedoch eine konsequente Kulturgeschichte erwartet, der wird zu Recht enttäuscht.

„Wo Jesus ist, da ist auch Fisch“, heißt es in einem Revue-Stück zur Bedeutung des Fisches im Christentum so ironisch wie treffsicher. Das griechische Wort für Fisch, „Ichthys“, als Akronym der verfolgten Frühchristen. Daraus entstand eine breite theologische und ikonologische Palette an Motiven. Jesus als Menschenfischer, frisch Getaufte als Fischlein, eine spezielle Konstellation des Sternzeichens Fisch bei Jesu Geburt, Fischaufkleber an Autohecks. Die Verschränkung der griechischen, babylonischen, assyrischen Aphroditen-Figur mit der christlichen Maria Magdalena. Aphrodite, Göttin der Liebe, Lust und Sexualität, geboren aus dem Ozean. Dann Popstar Madonna wie sie für Aktfotografien mit einer überlebensgroßen Fischstatue für ihren Bildband „Sex“ posiert. 

Zur Kaskade aus Gemälden und Skulpturen stellen sich Archivaufnahmen vom Fang der weltgrößten Sardine auf den Kanarischen Inseln, von der Kölner Nubbelverbrennung, dem Madrider „Begräbnis der Sardine“ und dem Dünkirchener Heringswurf. Das Fasten und Fastenbrechen als lukullisches Großereignis. Ebenso das mittelalterliche Herrgott-Bescheißen, indem man Säugetiere in den Bach warf, um sie als Fische zu deklarieren und damit auch während der Fastenzeit essen zu dürfen.

Der Aal als Interessensobjekt des Aalforschers und Verzweifelungsobjekt bei Sigmund Freud auf der Suche nach den Geschlechtsorganen des Fisches. Der Aal als „Phallusfisch“, der Aal als Fettlieferant und vieles, vieles mehr.

Der musikalische Ursprung des Wortes „Revue“ wird im Film gewissenhaft berücksichtigt. Zwischen den Themen-Stücken werden Songs verschiedenster Couleur eingespielt, von La Pats „Fischweib“ über Scooters „How Much Is the Fish“ bis zum Marktschreier-Disco-Ohrwurm „One Pound Fish“. Dazu laufen Stopmotion-Animationen von steppenden Meerestieren ab. Von Zeit zu Zeit erscheint obendrein noch Hanns Zischler in einem cremefarbenen Anzug und rezitiert – in nicht ganz gelungener Ernsthaftigkeit – Immanuel Kant oder den Schriftsteller Julio Cortázar.

In der „Kulturfisch-Revue“ kommt alles auf den Tisch, was einst als „illegitime Kunst“ galt: Cartoons, Aufkleber, Graffiti, Handyvideos. Die Collage- und Montageart und besonders das häufig benutzt Archivmaterial atmen den Geist der alten Fernseh-Avantgarde; als Alexander Kluge mit seiner Firma dctp die Losung ausgab: „In der Nachrichtenwerkstatt arbeiten wir mit allen Partnern an der Aufhebung der Trennung zwischen Tatsachen, Musik, Vernunft und Emotion.“

Dieser assoziative, kulturwissenschaftliche Filmessay lebt deutlich im geistigen Fahrwasser der Mediengurus Marshall McLuhan, Friedrich Kittler oder Vilém Flusser. Letzterer verfasste in den 80ern den Aufsatz „Vampyroteuthis infernalis“ und verglich zwinkernd die Intelligenz von Tintenfisch und Mensch. 

Der Ton der Sendung ist nicht unerwartet, denn Regisseur Thomas Schmitt ist kein Unbekannter. 1983 drehte er die Dokumentation „De lange Tünn“ über eine Kölner Rotlicht-Bekanntheit, 1989 begründete er im WDR die Essay-Reihe „Freistil“, deren erste Folge den programmatischen Titel „Die Nase von Lyotard“ trug; im Übrigen stammt aus dieser Sendung auch das Archivmaterial zur größten Sardine der Welt.

Im ersten Augenblick mag man sich fragen, aus welchem TV-Anarchistan diese Sendung stammt. Doch der absurde Charakter ergibt sich vor allem im Abgleich mit dem ansonsten recht biederen Einerlei der Fernsehlandschaft in Deutschland. Im Gegensatz zum Mainstream finden in der Fisch-Sendung wunderbar Gelehrsamkeit und Pfiffikus zusammen. Am Ende darf die Sendung zwar im Öffentlich-Rechtlichen laufen, aber erst zu nachtschlafender Zeit.

Das größte Manko der Sendung bleibt jedoch: Peter Hammills deutschsprachiger Song „Offensichtlich Goldfisch“ wurde nicht in die Revue aufgenommen.

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