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Filmregisseur Kino der Irritationen: Zum Tode von Nicolas Roeg

Er zählte zu den originellsten Filmemachern Großbritanniens, holte auch Mick Jagger und David Bowie vor die Kamera. Doch Filmregisseurs Nicolas Roeg ließ sich nie auf ein Genre festlegen. Nun starb er in hohem Alter.

Nicolas Roeg
Nicolas Roeg. Foto: dpa

Bad Timing“ heißt einer seiner Filme im Original, doch Nicolas Roegs Kino kam genau zur rechten Zeit. Als Meister sowohl des Visuellen wie auch der künstlerischen Tongestaltung erweiterte er in den Sechziger- und Siebzigerjahren die Ästhetik des Kinos grundlegend. Seine psychologischen Thriller nahmen die Skepsis gegenüber der sichtbaren Dingwelt, wie sie die drogen-bewegten Sechziger geweckt hatten, auf, um sie in irritierenden Gesamtkunstwerken zu vermitteln.

Sein bekanntester Film, „Don’t Look Now“ („Wenn die Gondeln Trauer tragen“), belegte 2011 in einer Umfrage unter Filmexperten nach den besten britischen Filmen den Spitzenplatz: Schon die Erinnerung an den subtilen Thriller und die Schreckensgestalt im roten Cape reicht aus für eine Gänsehaut.

Ein Film, der aussieht, wie damals ein Pink-Floyd-Album klang

Bevor er zur Regie wechselte, hatte er 23 Jahre als Bildgestalter gearbeitet. Noch nahe am Brecht’schen Theaterkonzept war die Pinter-Verfilmung „Der Hausmeister“ mit Roegs intimer Schwarzweißfotografie (1963). Nur ein Jahr später explodierten dann seine Farben in Roger Cormans mit einfachsten Mitteln gestemmter Horrorfantasie „Die Maske des roten Todes“. Von dort war es nicht weit zur exponierten Farbdramaturgie von Truffauts „Fahrenheit 451“, einem der ungewöhnlichsten und nachdenklichsten aller Zukunftsfilme.

Roegs erste Regiearbeit „Performance“ – entstanden in Zusammenarbeit mit Autor und Maler Donald Cammell – entwickelte nahe an der Persönlichkeit des Hauptdarstellers Mick Jagger ein filmisches Äquivalent zur experimentellen Rockmusik jener Zeit - einen Ansatz, den „Der Mann der vom Himmel fiel“ noch einmal mit dem nicht weniger charismatischen David Bowie aufgriff (1974). In völliger Freiheit entstand 1971 das endzeitliche Drama „Walkabout“ in der australischen Wildnis: Ein Film, der aussieht, wie damals ein Pink-Floyd-Album klang. Das muss auch Leadsänger Roger Waters nicht verborgen geblieben sein, der Roeg 1984 für drei Musikvideos engagierte.

Eine Entdeckung ist sein Spätwerk „Two Deaths“ (1995), ein hypnotisches Psychodrama über eine Revolution in einem imaginären osteuropäischen Land. Wie modern Roegs Ästhetik noch zu diesem Zeitpunkt war, belegt eine Äußerung des Filmemachers Christopher Nolan, der sein „Memento“ aus demselben Jahr ohne Roegs Einfluss für undenkbar erklärte. Doch wo immer die Dimensionen linearer Erzählung aufgebrochen werden und die Fotografie die Grenzen des Naturalismus sprengt, ist Roeg nicht weit.

Auch Todd Haynes, Steven Soderbergh und Wong Kar-wai zeigten sich von ihm beeinflusst. Er selbst gab sich davon gerne unbeeindruckt: „Wir sind doch alle von irgendetwas beeinflusst, es sei denn, man hätte uns in ein leeres Zimmer gesperrt.“ Er selbst nannte Alain Resnais’ mysteriöses Gesellschaftsdrama „Letztes Jahr in Marienbad“ einen entscheidenden Einfluss.

Wer Roeg traf, begegnete einem Intellektuellen mit sanfter Stimme, der leichthändig von einer Kunstgattung zur nächsten sprang und Phänomene der Popkultur scharfsinnig kommentierte. So schien ihm das multi-tasking der Internetgeneration, das gleichzeitige Nutzen verschiedener Medien nur allzu natürlich. Nicolas Roegs beste Filme leben vom Kontrapunkt zwischen unterschiedlichen Sinneseindrücken und erweitern so die Leinwand um eine unsichtbare Dimension. Ein Kurzfilm aus dem Jahre 2000 trug diese verwegene Suche bereits im Titel: „The Sound of Claudia Schiffer“. Mit 90 Jahren ist Roeg, wie am Wochenende bekannt wurde, am 23. November gestorben.

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