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Filmmuseum „Der Stoff ist das halbe Kostüm“

Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt ehrt Barbara Baum mit einer eigenen Ausstellung.

Barbara Sukowa
Barbara Sukowa bei einer Lichtprobe zu „Lola“ (BRD 1982). Foto: Rainer Werner Fassbinder Foundation

Kostümbild: Barbara Baum“. Mehr als 70 Mal bekamen das die Zuschauer zu lesen. Immer wieder, „Kostümbild: Barbara Baum“. Vor dem Abspann waren meist stattliche Verfilmungen über die Leinwände und Mattscheiben gelaufen. „Fontane Effi Briest“ (1974), „Katharina die Große“ (1995), „Buddenbrooks“ (2008), der Stoff war schwer, die Aufgabe groß. Dass immer wieder Baum diejenige war, die den Filmen ihre Kleider schenkte, lag an ihrem untrüglichen Gespür für das perfekte Material.

„Ich denke immer in Stoffen“, hat Baum nicht nur einmal gesagt. Was das bedeutet, will man vor der Eröffnung der Retrospektive im Deutschen Filmmuseum wissen. „Sie würden sich wundern, wie lange man nach dem perfekten Stoff suchen muss“, sagt Barbara Baum, und fast hört sich das wie eine Drohung an. Mit dem richtigen Material, mit seiner Praktikabilität während der Dreharbeiten und seinem Wirken auf der Leinwand, fange eben alles an. „Der Stoff ist das halbe Kostüm“, sagt sie.

Also suchte Barbara Baum, wochenlang, monatelang, in Frankreich, England, Italien, bis ihr ein Stoff gefiel. „Bis zur letzten Minute haben wir dann gewartet, bevor wir das Material tatsächlich angeschnitten haben. Gewartet, ob nicht irgendwoher ein noch ein besseres kommt.“ Das war die Arbeit, ein großer Teil davon: recherchieren, auswählen, heranschaffen. Das sieht, wer in Frankfurt durch die Schau streift.

Gesäumt von 52 Originalkostümen steht in der Mitte ein hölzerner Kubus, den die Kuratoren Hans-Peter Reichmann und Isabelle Bastian in Anlehnung an Baums Arbeits- und Wohnräume in Berlin entwickelt haben. Darin ein Arbeitstisch mit Zeichnungen und Stoffproben, Notizen und Fotos. Und Listen, Listen über Listen, Listen von Schauspielern, Rollen, Stoffen. „Die ganze Büroarbeit musste gemacht werden, sonst gab’s eine Katastrophe“, sagt Baum. Mindestens ein halbes Jahr vor den Dreharbeiten sei das losgegangen mit den Notizen und Listen.

Ein schönes Gleichnis, das sich bei der Erarbeitung der Ausstellung, die durch ein vielschichtiges Konzept auch Blinden, Seh- und Hörgeschädigten erlebbar gemacht wird, ähnlich umfangreich vollzogen haben muss. Die Exponate stammen aus einer Vielzahl an Kostümhäusern, Leihgaben aus Rom, London, Berlin, die in einem Atelier zusammengebracht und aufgearbeitet wurden. Ein Mammutprojekt – ähnlich den vielen Historienfilmen, in denen Baum mitgewirkt hat.

„Am Anfang stand immer das Buch“, sagt sie. Das habe sie erstmal gelesen, aufgeschlüsselt, wie viele Darsteller in wie vielen Szenen wie viele Kostüme brauchten. Ein schönes Kleid für Meryl Streep in Bille Augusts „Das Geisterhaus“ (1993), ein lässiger Anzug für Sam Shepard in Volker Schlöndorffs „Homo Faber“ (1991). Damit war es ja längst noch nicht getan. Bei „Buddenbrooks“ allein habe es hunderte Statisten gegeben, die ebenso eingekleidet werden wollten.

Für Barbara Baum bedeutete das eine immense Herausforderung, für ihre Regisseure und Produzenten, ein paar Mark mehr einzuplanen. Denn Sparen am Stoff – das war nie Baums Sache. „Sie haben immer gesagt, na, wenn die kommt, dann wird’s doppelt teuer. Nee – dann wurde es richtig“, wird die 1944 geborene Kostümbildnerin schon in der Ausstellungsankündigung zitiert.

Sie habe die perfekten Stoffe ausgesucht. „Mir wurde oft vorgeworfen, ich habe das nur aus Eitelkeit getan. Bis danach die Filmpreise kamen, dann haben sie sich nur noch bedankt.“ Ausgezeichnet wurde Baum auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, mit dem Bayerischen Filmpreis, dem Goldenen Löwen, zuletzt 2015 mit dem Deutschen Filmpreis für ihr Lebenswerk.

Rainer Werner Fassbinder war es maßgeblich, der sie dahin geführt, in den ersten Jahren ihrer Karriere den Weg geebnet hat. Über Hanna Schygulla hatten sich die beiden kennengelernt, nach der ersten gemeinsamen Produktion von „Fontane Effi Briest“ eine Vielzahl von Filmen zusammen gemacht. Ein Wort nur, so erzählt Barbara Baum heute, habe Fassbinder in Interviews genutzt, um die Zusammenarbeit des Regisseurs und seiner Kostümbildnerin zu beschreiben: „nonverbal“.

So parallel die Gedanken, so blind das Vertrauen, dass Fassbinder vorab keine Zeichnungen, keine Stoffproben, nichts sehen wollte, bis die Kostüme geschneidert waren. „Er wollte die Kleider erst an den Schauspielern sehen, um so einen kreativen Schub zu bekommen“, sagt Baum. „Wir waren füreinander bestimmt.“ Ihre Stimme wird brüchig.

So ist es ein Kostüm aus einem Fassbinder-Film, das Baum aus ihrer fast 50 Jahre währenden Karriere besonders in Erinnerung geblieben ist: Das silberfarbene Kleid, in dem Hanna Schygulla 1981 als „Lili Marleen“ das gleichnamige Soldatenlied singt. „Wie in einen Panzer eingesperrt“ habe Schygulla aussehen sollen, so wollte es Fassbinder. Also stand auch damals am Anfang aller Überlegungen der Stoff.

Als das Filmunternehmen Ufa in den 70ern Restbestände verkauft, ist Baum sofort zur Stelle. „Da lagen Berge an Schönheiten“, schwärmt sie noch heute, „aus Seide, aus Damast, aus Metallstoffen. 5000 Mark habe ich mir gepumpt und alles gekauft, was mir gefallen hat.“ Darunter auch den Silberlamé, der später zur „Lili Marleen“-Robe werden sollte. Nur ganz so glanzvoll wie in Fassbinders Drama will das mit Silberfäden durchwirkte Seidengewebe heute nicht mehr glänzen.

„Ich habe fast geweint, als wir das Kleid wiedergefunden haben“, sagt Barbara Baum. Jahrelang habe der Besitzer das Kleid ausgestellt. Was das Tageslicht mit dem empfindlichen Lamé gemacht hat, lässt sich im Filmmuseum ertasten: Unter den Fingerkuppen entstehen auf einer kleinen Stoffprobe haptische Landschaften, rau und blättrig. „Das Sonnenlicht hat der Lamé nicht vertragen“, sagt Barbara Baum. „Er ist kaputt gegangen, einfach so. Er ist zerbrochen.“ Und ein bisschen klingt es, als spreche sie über einen alten Freund.

Deutsches Filmmuseum, Frankfurt: bis 10. März www.deutsches-filminstitut.de

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