Lade Inhalte...

Filmkritik Unser Leben

Hinreißend: „3 Zimmer/Küche/Bad“ von Dietrich Brüggemann kommt trotz vieler Anläufe zu dem Schluss, dass man das Leben doch nie versteht.

Warum soll man es nicht doppelt schön haben, wenn's schon nichts zu erben gibt. Foto: Zorro Filmverleih

Ein Vater möchte seinem knapp erwachsenen Sohn das Leben erklären. Er kommt recht spät auf diese Idee, und so entschuldigt er sich erst einmal. Das Leben sei wie eine rostige alte Maschine vom Dachboden, hat er sich überlegt. Da so etwas ohne Gebrauchsanweisung auftauche, versuche man eben, selbst herauszufinden, wozu die Maschine gut sei und wie sie funktioniere. Schließlich gebe man sie an seine Kinder weiter in der Hoffnung, dass die wenigstens etwas damit anfangen könnten.

Es liegt kein Funken von Altersweisheit in dieser Geschichte – eher so etwas wie Jugendweisheit, wenn es so etwas denn gibt. Die ist aber nicht mit Altklugheit zu verwechseln. Der Filmemacher Dietrich Brüggemann (36 Jahre alt) hat sich das Drehbuch zu „3 Zimmer/Küche/Bad“ gemeinsam mit seiner Schwester Anna ausgedacht, was ihn in die glückliche Lage versetzt, von der Mitte aus in beide Lebenshälften zu blicken. Mit seinen Filmen – dies ist der dritte – ist es wie mit dem von Hans-Heinrich Hardt gespielten Vater: Sie schicken sich an, das Leben zu erklären. Dafür nehmen sie große rhetorische Anläufe, um schließlich bescheiden zu dem Schluss zu kommen, dass man es doch niemals versteht.

Wissen, was man hat

Diesmal ist das besonders der Fall, denn die meisten Protagonisten des Films gehören jener Generation an, zu der der Vater spricht. Sie sind in ihren Zwanzigern und ziehen ständig irgendwo ein oder aus. In WG-Zimmer oder in gemeinsame Wohnungen, aber dann ist es mit dem Beziehungsglück auch schon bald vorbei. Es wäre auch zu viel verlangt: Eine bezahlbare Wohnung finden und dann noch den richtigen Partner! Das hieße ja geradezu, das Glück herauszufordern. So drehen und schrauben sie eben weiter herum an dieser Lebensmaschine, und sie haben weiß Gott keine Ahnung, wie sie wohl funktioniert.

Vor allem Dina (Anna Brüggemann) tut sich damit schwer. Sie ist eine Berliner Ausgabe von Truman Capotes Großstadt-Flaneurin Holly Golightly, heute natürlich ohne Zigarettenspitze: Äußerlich ist Dina fröhlich und ungezwungen, innerlich aber einsam und mit der fatalen Gabe gesegnet, Männer, die sich in sie verlieben, zu „besten Freunden“ zu machen. In einer Szene erlebt man Dina bei ihren Eltern, die eine gründlich verkorkste Ehe führen. Was wie eine zu knapp geratene psychologische Erklärung wirkt, ist in Wahrheit der bittere Hintergrund dieser sonst federleichten Komödie: Hinter all den jungen Leuten und ihrer tollpatschigen Suche nach dem Glück stecken Eltern, die das auch nie packten. Auch der Vater mit der rostigen Maschine entschuldigt sich ja nicht ohne Grund mit dieser Geschichte. Zu Weihnachten hat er es seinen erwachsenen Kindern endlich erzählt: Dass die Beziehung zu seiner Frau (Corinna Harfouch) nur ein potemkinsches Dorf gewesen ist, um den Kindern ein Familienleben zu bieten. Wie sollen sie es da selber besser machen? Aber besser ist das falsche Wort. Brüggemann mag einen gewissen Hang zum Dozieren haben, doch zu bewerten gibt es für ihn nichts. All seine Figuren liebt er gleichermaßen, selbst den Casanova, der Dina schwängert und dann erst mal abhaut. Jeder schlägt sich so, wie er eben kann, durchs Leben. Glücklich ist, wer weiß, was er hat. Und wenn es eine gute Portion Charme ist, ist das auch okay.

Tragische Schönheit

Die vier Jahreszeiten, in die der Regisseur seine Geschichte teilt, schmeicheln nicht nur der ruhigen Handkamera-Kunst von Alexander Sass. Sie wirken auch wie eine Verbeugung vor Mike Leigh, dem britischen Meister des Sozialdramas. Brüggemann erzählt von Kindern aus der Mittelschicht, einer sterbenden Klasse. „Wir gehören einer Generation an, die niemals reich wird“, sagt einer von ihnen. So ist „3 Zimmer/Küche/Bad“ auch das Porträt einer noch weitgehend unbesungenen, verlorenen Generation. Einer Jugend, die unter immensem Druck steht, aber so tun muss, als ginge sie das alles nichts an. Sorgen kann man sich immer noch machen. Kein Wunder, dass es den jungen Leuten so schwer fällt, wenigstens ein präsentables Liebesleben auf die Reihe zu bekommen. Wenn es sonst schon nichts zu erben gibt, dann vielleicht ab und zu einen abgelegten Freund.

Wäre Brüggemanns Film nicht voller präziser Dialoge und flankiert von verblüffenden Slapstick-Einlagen, dann kämen wir vielleicht gar nicht auf die Idee, ihn zu einer Komödie zu erklären. Denn was ihn vor allem auszeichnet, ist jene Qualität, die auch Dina charakterisiert: eine tragische Schönheit. Eine Moral gibt es am Ende aber doch, und die lautet, bloß nicht nachzuleben, was andere vormachten. Im Abspannsong der Band Die Sterne klingt das so: „Wir müssen nichts so machen, wie wir’s kennen, nur weil wir’s kennen, wie wir’s kennen.“

3 Zimmer/Küche/Bad D tl.2011. Regie: Dietrich Brüggemann, Kamera: Alexander Sass; 118 Min., Farbe. FSK o. A.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum