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Filmkritik „Pacific Rim“ Goliath gegen Goliaths

Guillermo del Toros Blockbuster „Pacific Rim“ verbeugt sich glücklos vor Godzilla. Zu sehen gibt es „Avatar“ plus etwas Martial Arts nebst der Kulisse der Anime-Serie „Neon-Genesis-Evangelion“.

Und dann geht es doch bald nur noch ums Draufhauen: "Pacific Rim". Foto: dpa

Als sich die Hauptdarstellerin von „Lola rennt“ seinerzeit in London Roland Emmerichs Godzilla-Film angesehen hatte, schrieb sie mir eine Postkarte. „Eine Minute Sega-World ist aufregender“, urteilte die Kritikerin Franka Potente vernichtend und fügte erklärend hinzu: „Ist ein Videospiel.“

Auch wenn die nachgeschobene Belehrung nicht nötig gewesen wäre, waren Kino und Gaming damals, im Jahre 1998, noch getrennte Welten. Heute dagegen kommt selbst ein Monsterfilm wie „Pacific Rim“ nicht ohne Controller daher. Über den steuern zwar nicht wir, aber doch wenigstens unsere Stellvertreter auf der Leinwand den gigantischen Roboter-Koloss, der ganze Legionen von Godzilla-Doubles aus dem All besiegen soll. Ein Kampf wie Goliath gegen die Goliaths. Gleich zwei Akteure sind nötig, um die Monster aus Menschenhand zu steuern. Denn anders als in den meisten der späteren Godzilla-Filme, bei denen Hollywood hier noch einmal in die Lehre geht, sind die Riesenechsen die Bösen.

Ein desillusionierter, ehemaliger Kriegsheld mit dem passendem Namen Becket (Charlie Hunnam) sowie eine zurückhaltende Japanerin namens Mako, gespielt von Rinko Kikuchi aus „Naokos Lächeln“, sind die sichtbaren Animatoren in einem Film, in dem, wie es das Blockbuster-Kino ja anscheinend verlangt, sowieso fast alles animiert ist. In der Geschichte sind sie der Menschheit letztes Aufgebot, und auch das Ungetüm aus Stahl, das sie da dirigieren, entspricht nicht unbedingt dem neuesten Stand der Zukunftstechnologie. Wäre es nicht wolkenkratzergroß, erinnerte es an das liebenswerte Schrottmonster aus „Reel Steel“, jener charmanten, wenn auch fast vergessenen Kleine-Jungens-Phantasie des vor-vorletzten Blockbuster-Sommers.

Bescheidener Freiraum

Warum die Wahl nach langer Gladiatorenschule ausgerechnet auf diese beiden virtuellen Kämpfer fällt, wird zwar nicht ganz ersichtlich. In jedem Fall aber gehört die Idee, dass hier ausgerechnet ein Paar, durchaus romantisch verbunden, seine Kräfte bündelt, zu den wenigen originellen Eingebungen hinter dem mit Spannung erwarteten Comeback des Mexikaners Guillermo del Toro in seinem Paradegenre, dem Fantastischen.

Aber wie weit hat es ihn abgeschlagen vom mäandernden Surrealismus von „Pans Labyrinth“ oder dem Irrwitz von „Hellboy 2“! Einige Rückblenden ins Vorleben der Protagonisten sind diesmal der bescheidene Freiraum fürs düstere Träumen. Das Paar kann im Gedächtnis des anderen frei herumstöbern, eigentlich eine Horrorvorstellung, die hier allerdings nicht weiter problematisiert wird. Wahrscheinlich wird uns Edward Snowden bald enthüllen, dass die NSA auch das schon lange kann.

Jeder der beiden Kampfkünstler ist für eine Gehirnhälfte dieses Riesen-Nussknackers zuständig, wie gleich zwei nerdige Wissenschaftler als leidlich komische Nebenfiguren versichern. Wie das funktionieren soll, bleibt ihr Geheimnis. Denn statt eines Gleichklangs zwischen Rationalem und Kreativem geht es dann doch bald nur noch ums Draufhauen. Der längste und dabei zugleich auch geistloseste Showdown der jüngeren Blockbuster-Geschichte verlangt jedenfalls keinerlei kognitives Training. Weder von uns noch von den Machern, was für den begabten del Toro schon eine regelrechte kreative Auszeit bedeutet haben muss. Ausdenken musste er sich wenig, man kennt das meiste zur Genüge.

Das ist mitunter sehr schön anzuschauen, wenn wir Mako als Kind unter einem riesigen Regenschirm durch eine ruinöse asiatische Metropole flüchten sehen, die aussieht wie aus „Blade Runner“. Manchmal ist es aber auch traurig, denn nichts vom Charme der klassischen Monsterfilme der Firma Toho wurde eingefangen. Wer hätte sich das zu ihrer Glanzzeit in den frühen siebziger Jahren träumen lassen? Ein 180-Millionen-Dollar-Budget für einen Monsterfilm?

Das Urteil: vernichtend

Damals, als Godzilla noch regelmäßig über deutsche Vorstadt-Leinwände stapfte, galt das Genre allgemein als besonders billige Art der Unterhaltung. Nur uns Kindern nicht. Hier bekamen wir den größtmöglichen Gegenwert für unsere Zweimarkfünfzig Eintritt. Nirgends war es bunter, nirgendwo ging mehr kaputt. Die Welt der Erwachsenen war dem Untergang geweiht, bis die freundlichen Monster gerufen wurden, die wie große Kinder waren. Wie wir. Ja, mit den Großen konnten wir Kleinen uns identifizieren. Da muss man gar nicht nach den prognostizierten Vorlieben des globalen Publikums ein westöstliches Gamer-Pärchen am Reißbrett kreieren: Erwachsene waren noch nie die Kernzielgruppe von Monsterfilmen.

Die wichtigste Formel für gegenwärtiges Blockbuster-Kino ist ein Ausschlusskriterium: Bloß nichts, das es nicht schon gibt. Diesmal hat man ein regelrechtes Portfolio zusammengeschnürt: „Avatar“ plus etwas Martial Arts nebst der Kulisse der Anime-Serie „Neon-Genesis-Evangelion“. Als brächte das nicht die Fans erst recht dazu, die Originale hochzuhalten.

Die Meinungen von Bloggern, die es wissen müssen, weil sie sich an der Schnittstelle von Games und Filmen abarbeiten, liest man bei „Gamona.de“. Das Urteil dort: vernichtend. „Er ist auch näher dran an den Power Rangers und Pokémon als an ,Neon Genesis Evangelion‘.“ Allem Nerd-Gewese zum Trotz.

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