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Filmkritik "Die Bücherdiebin" Mit den Worten des Totengräbers

Die Verfilmung des Bestsellers „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak erzählt vom Überleben der Menschlichkeit während der Nazizeit und kann dennoch kaum berühren.

13.03.2014 07:26
Cornelia Geissler
Die Welt lesend erschließen: Ben Schnetzer als Max Vanderburg und Sophie Nélisse als Liesel Meminger. Foto: dpa

Deutschland im Februar 1938. Eine Mutter fährt mit ihren Kindern Zug. Das jüngere, der Sohn, stirbt entkräftet während der Fahrt. Bei der Notbestattung fällt einem der Friedhofsleute ein Buch aus der Tasche. Das Mädchen, Liesel, nimmt es an sich. „Handbuch für Totengräber“ heißt es. Es wird ihre letzte Verbindung zu ihrem Bruder. Auch zur Mutter, einer Kommunistin. Die reist mit Liesel weiter in den fiktiven Ort Molching bei München und gibt sie bei Pflegeeltern ab.

Eingängige Gut-Böse-Signale

Etlichen Menschen wird dies bekannt vorkommen, nämlich all denen, die den Roman „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak gelesen haben. Der in Australien aufgewachsene Autor deutsch-österreichischer Herkunft hatte mit dem Buch, 2005 erstmals erschienen, 2006 auf Deutsch, einen Welterfolg. Es erzählt die Geschichte von einem Mädchen, das sich in unwirtlicher Umgebung seinen Lebensdurst erhält und das in einem erwachsenen jüdischen Flüchtling einen Freund findet. Es erzählt von einfachen Menschen, die Würde bewahren und Herz zeigen, als es auf Menschlichkeit ankommt – während ihre Nachbarn längst zu Mitläufern des Nazi-Regimes geworden sind. Es erzählt schließlich vom Zauber der Buchstaben, von der Welt, die sich dem Mädchen lesend erschließt. Das Buch setzt auf eingängige Gut-Böse-Signale, es richtet sich an ein Publikum ab etwa zwölf Zeit, gleichwohl ist es in Deutschland auch in einer Ausgabe für Erwachsene erschienen. Zusak hat den Stoff aus der deutschen Geschichte geholt, auch aus Erfahrungen seiner Familie. Er installiert den Tod (ein Meister aus Deutschland) als Erzähler; im Film ist es Ben Beckers düstere Stimme, die aus dem Off kommt, als raune sie vom Himmel herab.

Irritierende Zugeständnisse

Liesel, ein großäugiges Mädchen mit Korkenzieherlocken und Herzmund (Sophie Nélisse) leidet unter der barschen Art der Ziehmutter Rosa (angenehm ambivalent gespielt von Emily Watson) und ist dem Ziehvater Hans (schwankend zwischen Angst und Wut: Geoffrey Rush) dankbar für seine mitfühlende Zurückhaltung. Hans, ein Maler, den der gesunde Menschenverstand vom Eintritt in die NSDAP abhielt, der aber deshalb kaum noch Aufträge erhält, erkundet mit Liesel zunächst das Totengräber-Buch. Er bringt ihr – die unerklärterweise mit ihren etwa zehn Jahren als Analphabetin in die Familie kommt – das Lesen bei.

Als die Frau des Bürgermeisters das Mädchen bei einem heiklen Bücherdiebstahl erwischt, lädt sie Liesel in ihr Haus ein; die Bibliothek wird ihr Sehnsuchtsort. Auch dort wird sie stehlen. Und als der Jude Max auf der Flucht bei Hans und Rosa Unterschlupf findet, liest Liesel ihm vor, bietet ihm ein wenig Abwechslung im dunklen Kelleralltag. Überhaupt verändert Max’ Gegenwart die Verhältnisse, führt alle vier eng zusammen.

Doch so eindringlich die Begegnungen zwischen den Personen im Haus gelingen, so seltsam fad wirken Straßenszenen und Schulsituationen. Es scheint fast, als sei Regisseur Brian Percival durch seine großartige Fernsehserie „Downton Abbey“ auf die intimen Momente spezialisiert. Die Straßen, erbaut im Studio Babelsberg, scheinen leer und rein, auch wenn sie bevölkert sind. Die Bücherverbrennung ist nicht nur historisch zu spät angesetzt, sie wirkt auch steril und befremdet. Vor den brennenden Büchern schmettert ein Chor die erste Strophe des Deutschlandliedes. Doch obwohl mit Kostümen und Kulissen eine deutsche Atmosphäre aufgebaut wird, sind die Bücher und Lesebeispiele, die Hans für Liesel an die Wand schreibt, englisch. Dieses Zugeständnis an das internationale Publikum irritiert nicht nur – es schafft Distanz.

Unangenehm ist auch die Produktplatzierung in der letzten Szene, die einen Computer der Firma mit dem Obst-Logo ins Bild rückt. All dies könnten Gründe sein, warum der Film auf die Dauer eher ermüdet als berührt.

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