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Filmkritik „Ballon“ „Die Frage nach dem Warum ist eine Wessi-Frage“

Michael „Bully“ Herbig über seinen Film „Ballon“, der von einer waghalsigen Flucht aus der DDR erzählt.

Ballon
Petra Wetzel (Alicia von Rittberg) schneidet Stoffbahnen. Foto: Studio Canal GmbH/Marco Nagel

Es gibt niemanden, der im deutschen Filmgeschäft erfolgreicher ist als der Regisseur Michael „Bully“ Herbig. Das Genre seiner Wahl ist die Komödie. Jetzt aber hat Herbig einen Thriller gedreht, nach der wahren Fluchtgeschichte zweier Familien aus der DDR, die 1979 in einer selbstgebauten Gondel die Grenze von Thüringen nach Bayern überquert haben.

Da draußen im Foyer steht ja die echte Gondel!
Die haben sie aus dem Museum geholt.

Dass die Ihnen die ausgeliehen haben.
Ich war auch überrascht. Sie kommt aus dem Mauermuseum am Checkpoint Charlie. Für mich ist der Anblick insofern interessant, weil ich ja jetzt ein paar Monate mit unserer Filmgondel verbracht habe, und ich alles so authentisch wie möglich haben wollte. Und die echte da draußen sieht wirklich exakt so aus wie unsere Filmgondel. Eigentlich gibt es ja drei Ballons. Beim ersten haben sie schlichtweg den falschen Stoff benutzt, den haben sie gar nicht aufgeblasen bekommen. Im Film sind wir aus dramaturgischen Gründen mit dem ersten Fluchtversuch, also eigentlich mit dem zweiten Ballon eingestiegen. Der scheiterte bekanntlich, weil sie nur wenige Meter vor der Grenze runtergekommen sind. Somit mussten sie den Ballon inklusive Gondel zurücklassen und alles ging wieder von vorne los.

Wissen Sie, wo die Gondel, die die Familie Strelzyk im Wald zurücklassen musste, hingekommen ist?
Nein, aber wir hatten Einblick in die Stasiakten und konnten die Fotos von dieser Gondel sehen, die die Stasi an der Absturzstelle gemacht hat. Die haben wir dann auch in den Nachspann gepackt. Das macht noch einmal etwas mit einem, wenn man sieht, dass das wirklich so passiert ist. Dass da nichts erfunden ist. Die Bodenplatte der Gondel hatte tatsächlich nur 0,8 Millimeter. Ich hab fünf Mal nachgefragt. Nicht 8 Millimeter dick, sondern 0,8 Millimeter. Der Grund war natürlich, dass man Gewicht sparen wollte. 

Mich hat ja am meisten der grüne Teppichboden in der Gondel da draußen beeindruckt.
Ja, das ist rührend. Und die Tatsache, dass der Ballon so bunt ist, erklärt sich ja dann im Film. Sie konnten den Stoff nur in kleinen Mengen kaufen, um nicht aufzufallen. Günter Wetzel hat sich auch schon was dabei gedacht, als er die verschiedenen Stoffbahnen zusammengenäht hat. Er sagte mir mal: Wenn wir schon abhauen, dann mit einem schönen Ballon.

Sie waren elf Jahre alt, als die beiden Familien flüchteten, und lebten damals in München. Der Ballon ist in Bayern gelandet, Franz Josef Strauß empfing die Ballonflüchtlinge. Es wurde groß darüber berichtet. Haben Sie davon damals etwas mitbekommen?
Ich erinnere mich nur vage. Ich glaube, mich an das Titelbild vom „Stern“ zu erinnern. Aber so richtig bewusst habe ich diese Flucht erst mit der ersten Verfilmung wahrgenommen, die ich Mitte der achtziger Jahre im Fernsehen gesehen habe. 

Sie meinen den Disney-Film „Mit dem Wind nach Westen“?
Genau. Ich war damals etwa 14 und konnte die Geschichte politisch noch nicht so richtig einordnen.

Spielte die DDR in Ihrem Leben überhaupt eine Rolle?
Die DDR war für mich damals einfach da, schon mein ganzes Leben lang. Es war so normal, der Status quo halt. Ich bin in Bayern aufgewachsen und hatte weder Verwandte noch Freunde in der DDR. In der Schule war es auch kein Thema bei uns. Und auch sonst nicht. Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, und wir hatten mit unserem Alltag zu tun. Da wurde wenig über die DDR diskutiert. 

Gab es nicht einmal eine Klassenfahrt nach Berlin?
Doch, und da gehörte auch ein Ausflug nach Ost-Berlin dazu. Als wir von der bayrischen Autobahn auf die der DDR ... – naja, nennen wir es auch Autobahn – kamen, wurde es holprig und nach einer Weile roch es auch ganz furchtbar. Irgendwie giftig. Ich fand die Autos auch nicht so schick. Und als wir dann diesen Ausflug nach Ost-Berlin machten, mussten wir am Übergang in solche Kabinen und dort unseren Ausweis vorzeigen. Ich war ein Teenager, und der Grenzbeamte starrte mich an, und ich dachte sofort: Was habe ich falsch gemacht? Als wir in Ost-Berlin endlich ein Restaurant gefunden hatten, haben sie uns gleich wieder rausgeschmissen. Wir sollten uns hinten anstellen. Nach zwei, drei Stunden habe ich gesagt: Leute, ich geh jetzt wieder nach Hause. Ich konnte da im wahrsten Sinne des Wortes nicht atmen. Während der Dreharbeiten habe ich immer wieder versucht, mich an dieses Gefühl zu erinnern. Denn dieses Gefühl, vermutlich noch viel schlimmer, hatten auch die beiden Familien. Durch den Disney-Film habe ich allerdings nicht viel über die DDR erfahren. Er ist eher aus amerikanischer Sicht erzählt. 

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