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Filmfestspiele Venedig Wasser und Glamour

Die Preise sind vergeben: Hollywood dominiert bei den Filmfestspielen in Venedig und trägt auch den Sieg nach Hause.

Guillermo del Toro
Guillermo del Toro mit Goldenem Löwen. Foto: dpa

Es war ein Ende mit Schrecken, aber genauso hatte es sich Festivalchef Alberto Barbera vorgestellt. Zwanzig Jahre nach seinem Löwen-Gewinn mit „Hana-Bi“ machte der japanische Regisseur Takeshi Kitano den Festival-Palast zu „Takeshi’s Castle“: Sein jüngter Gangsterfilm „Outrage Coda“ beendet seine Trilogie um den ehemaligen Yakuza-Boss Otomo, den er selbst verkörpert, in gewohnter Schwärze: Als ein Bandenkrieg zwischen japanischen und südkoreanischen Gangsterunternehmen eskaliert, löst Otomo die Sache im Alleingang. Das absehbare Blutbad inszeniert Kitano dabei weniger als Gemetzel, denn als fatalistisch-nihilistischen Abschied von seiner eigenen Filmfigur. „Gewalt ist hier nicht selbstzweckhaft“, sagt Kitano dazu, „ich möchte, dass man die Leere und Traurigkeit dahinter spürt.“

Vorausgegangen war diesem dumpfen Schlussakkord ein strahlend-glamouröses Festival, bei dem sich Weltstars wie Jennifer Lawrence, George Clooney, Jane Fonda, Robert Redford, Michelle Pfeiffer, Penelope Cruz, Javier Bardem oder Jim Carrey die Klinke in die Hand gaben.

Vormachtstellung verteidigt

Nicht alles war Gold, was glänzte, und doch: Eine ganze Reihe US-amerikanischer Filme verteidigten die Vormachtstellung dieser großen Filmnation, nicht nur in der Unterhaltung, sondern auch in der Kunst: Altmeister Paul Schrader („First Reformed) und der 87-jährige Dokumentarfilmer Frederic Wiseman („Ex Libris: New York Public Library“) fühlten dabei der heimischen Demokratie auf denkbar unterschiedliche Art den Puls: Der erste mit einem Drama um eine politisch radikalisierten Pastor, der zweite mit einem Plädoyer für uneingeschränkten Zugang zu Bildung und Kultur. 

Dass diese beiden Meisterwerke der Aufmerksamkeit der Jury entgingen, schmälert ihre Bedeutung nicht. Unter der Leitung der Hollywood-Schauspielerin Annette Bening vergab sie ihren Hauptpreis dafür an einen amerikanischen Beitrag, der Kunst und Unterhaltung in berührender Weise zusammenführte. Guillermo del Toros „The Shape of Water“, die Liebesgeschichte zwischen einer Putzfrau und einem Wasserwesen, umarmt das Erbe Traumfabrik mit Nostalgie, Pathos aber auch mit echter Poesie. Wenn das von Sally Hawkins gespielte Aschenputtel die schillernde Kreatur im Wasserbassin eines Geheimlabors entdeckt, ist es Liebe auf den ersten Blick. 

Der aus Mexiko stammende Regisseur von „Pans Labyrinth“, selbst passionierter Sammler von Monsterfiguren, verbindet Motive von Märchen wie „Froschkönig“ und „Die Schöne und das Biest“ zu einer späten Huldigung an die Außenseiterfiguren, die in Hollywoods B-Pictures die heimlichen Helden waren. Leider muss das deutschsprachige Publikum noch bis Mitte Februar warten, um diesen Film zu sehen.

Vertraute Formate statt Experimenten

Auch die weiteren Jurypreise sahen Qualität eher in vertrauten Filmformen als in echten Experimenten. Das gilt auch für den sperrigsten der Preisträger, die israelisch-deutsche Militär-Farce „Foxtrot“. Der Vater eines Soldaten wird darin mit der Nachricht vom Tod seines Sohnes konfrontiert, nur um danach zu erfahren, dass dies eine Falschmeldung sei. Surreale Szenen vom Einsatz seines Sohnes untermalen die Konfusion mit absurden Choreografien. Bereits mit seinem Löwen-Gewinner von 2009 „Lebanon“ hatte Samuel Maoz einen Kriegseinsatz wie absurdes Theater inszeniert, das allerdings in konsequentem Minimalismus. Den „Tanz mit der Waffe“ choreografisch aufs Korn zu nehmen, ist freilich einem anderen Filmemacher bereits 2001 wesentlich besser gelungen: dem Palästinenser Elia Suleiman mit „Divine Intervention“.

Untadelig ist der Preis für die beste Schauspielerin: Charlotte Ramplings Darstellung der Vereinsamung der Ehefrau eines Häftlings war ein Ereignis im französischen Beitrag „Hannah“, ohne sie wäre der Film kaum vorstellbar. Aufgedrängt hatte sich auch der Preis für das beste Talent, der Charlie Plummer für „Lean on Pete“ zugesprochen wurde. Aber hätte man nicht auch den Regisseur dieses herzergreifenden und dabei keineswegs konventionellen Neo-Westerns auszeichnen müssen? Brite Andrew Haigh zeigt sich mit diesem stilsicheren Coming-of-Age-Film über einen Waisenjungen nach „45 Years“ einmal mehr als Ausnahmetalent. Wie „The Shape of Water“ steht „Lean on Pete“ für ein Kino, wie es nicht nur die großen Festivals am meisten lieben: Einzigartig und doch tief verwurzelt in den klassischen Genres der Filmgeschichte.

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