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Filmfestspiele Venedig Eine undurchsichtige Affäre

Ulrich Seidl, Spike Lee und Ramin Bahrani zeigen ihre Filme beim 69. Filmfestival Venedig. Warum dieses Jahr deutlich weniger Festivalbeobachter an den Lido gereist sind, könnte mehrere Gründe haben.

31.08.2012 15:37
Anke Westphal
Betörend als Femme fatale: Franziska Petri. Foto: Getty Images

Ulrich Seidl, Spike Lee und Ramin Bahrani zeigen ihre Filme beim 69. Filmfestival Venedig. Warum dieses Jahr deutlich weniger Festivalbeobachter an den Lido gereist sind, könnte mehrere Gründe haben.

Wer dieser Tage auf dem Lido von Venedig unterwegs ist, muss nicht befürchten, angerempelt zu werden. Auf den Straßen, in den Bars und Restaurants findet sich genügend Platz, und auch auf dem Gelände der Filmfestspiele am alten Casino behält man mühelos den Überblick. Theorien dazu gibt es genug: Der Krise sei es geschuldet, dass weniger Festivalbeobachter als in den vergangenen Jahren vor Ort sind. Zudem sei der große Tross der Boulevard-Arbeiter ausgeblieben, weil nur wenige Hollywood-Stars für den roten Teppich anreisen, und jene, die nach Venedig kommen, kann man ja kaum zur A-Liga zählen.

Kate Hudson? Ist schließlich keine Scarlett Johansson. Dennis Quaid? Ist kein Tom Cruise. Und Zac Efron? Geht gerade so. Und natürlich liegt es an der Krise, dass selbst die Einheimischen nur noch gelegentlich zum Essen und Trinken ausgehen. Längst wurde die Devise zu diesem Downsizing ausgegeben: „Lean and mean“, also frei übersetzt: „klein und gemein“ will die Mostra internazionale d’arte cinematografica sein, mithin das älteste Filmfestival der Welt. Klein muss sie allein schon deswegen sein, weil hier eben mal 40 Millionen Euro verbrannt wurden für Planungen zu einem neuen Festivalpalast, der nun doch nicht entstehen wird – ist kein Geld da. Die seit Jahren neben dem roten Teppich vor sich hindämmernde Baugrube wurde allerdings inzwischen für zehn Millionen Euro zugeschüttet und mit Sitzgruppen auf Kunstrasen bestückt. Demnächst sollen dann die alten, ich meine wirklich alten Festivalkinos saniert werden.

Kunstfigur oder Freak

Wie bewertet man diese Entwicklung nun: Ist das noch Entspannung, eine gesunde Abkehr von der Gigantomanie der Event-Kultur, oder doch schon Niedergang? Dass die Mostra von Venedig unter ihrem Chef Alberto Barbera nun die Filme der Nebensektion „Orizzonti“ für jeweils einen Tag ins Internet stellt zum Download, wird jedenfalls von den meisten Beobachtern als Dammbruch begriffen. Schafft die Mostra sich selbst ab? Werden Filmfestivals irgendwann nur noch im World Wide Web stattfinden?

Vorerst summt man erst einmal vor sich hin, wenn man das Kino verlässt nach dem neuen Film von Spike Lee. „Bad25“ ist eine Dokumentation, die sich Michael Jackson und dessen Album „Bad“ widmet, das 1987 fünf Nummer-Eins-Hits in Folge landete. Jede Menge Zeitzeugen am laufenden Band bietet der afroamerikanische Regisseur auf: vom Plattenfirmenchef über Produzenten, Anwälte, Toningenieure, Künstlerkollegen bis hin zu Jacksons Bodyguard.

Spike Lee schildert hier weniger das Drama eines Afroamerikaners, der sein Äußeres durch Hautbleichung und plastische Chirurgie weißen Standards anzupassen suchte und dabei – je nach Interpretation – zu einer Kunstfigur oder aber zum Freak wurde. Vielmehr würdigt Lee anlässlich des 25. Jubiläums von „Bad“ die ungeheuere, ja besessene Professionalität eines Menschen – und das ziemlich unradikal. Am Ende summt man selbst die Melodie „Bad“ und ist von Bewunderung erfüllt, auch wenn man nie ein Fan dieser Musik war.

„Bad25“ wurde in der Nebenreihe Fuori Concorso gezeigt, also nicht in der Konkurrenz des Wettbewerbs, der mit Kirill Serebrennikovs Film „Ismena – Betrug“ seinen ersten Höhepunkt bot. Die Deutsche Franziska Petri spielt hier eine Ärztin, die einem Patienten offenbart, dass dessen Frau ihn mit ihrem eigenen Ehemann betrügt. Aus dieser beiläufigen Mitteilung entwickelt sich eine Art Rekonstruktion der Affäre, welche die beiden Beteiligten immer stärker involviert, ohne dass alle Motive entschlüsselt oder alle Fäden vernetzt werden.

Fesselnd ist dieser Film durch die schöne Kameraarbeit und die erzählerische Verschränkung, ohne dass die Paare einfach ineinander gespiegelt werden. Und Franziska Petri – was ist das für eine tolle Schauspielerin als Femme fatale! Sie ist die erste Anwärterin auf den Coppa Volpi für die beste Darstellerin.

Ehekrieg, der schnell eskaliert

Der Österreicher Ulrich Seidl stellt am Lido den zweiten Teil seiner Trilogie „Paradies“ vor. „Liebe“ ging im Mai in Cannes ins Rennen um die Goldene Palme; „Glaube“ konkurriert jetzt also am Lido um den Goldenen Löwen. Beide Filme verhandeln die Ökonomie von Beziehungen. Doch während „Liebe“ erfrischend auf den Punkt kam mit einer Geschichte über westliche Sextouristinnen in der dritten Welt, fragt man sich, wo eben dieser Punkt bei „Glaube“ ist.

Wir sehen eine keinen Krümel duldende Katholikin in ihrem zwar großen, doch freudlos wirkenden Haus sowie beim Missionieren mit einer „Wander-Madonna“ in ebenso tristen Siedlungen. Diese Art Setting ist quasi Standard in nahezu allen deutschsprachigen Filmen, die Glaubensfragen auch nur streifen – ganz so, als beinhalte der Glaube per se Freudlosigkeit und Hässlichkeit; ganz so, als gäbe es nirgends zufriedene, gar fröhliche, intelligente, kultivierte und – offensichtlich völlig undenkbar - reflektierte Gläubige!

Das ist doch fade. So stereotyp wird der Islam im Kino nicht behandelt. Aber es wäre dies kein Film von Seidl, dem großen Misanthropen, wenn er nicht hinausginge über die bloße Karikatur einer Frömmlerin, die über jeder Tür ein Kruzifix zu hängen hat und Jesus schon mal einen Gute-Nacht-Kuss gibt.

Anna Maria (Maria Hofstätter) ist nämlich immer noch mit einem Moslem verheiratet. Eines Tages ist der wieder da. Nabil (Nabil Saleh) sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl, aus dem heraus er Anna Maria Vorwürfe macht, ohne indes selbst ein besserer Mensch zu sein. Man sieht also vor allem einem Ehekrieg zu, der schnell eskaliert, dabei komisch ist und auch tragisch. Der Punkt an „Glaube“ allerdings ist, dass der Regisseur Ulrich Seidl keinen Glauben zu haben scheint, woran auch immer. Oder doch? Vielleicht glaubt er an den Freak in uns allen.

Schöner Mensch mit Grundtraurigkeit

Vorhin war von Dennis Quaid und Zac Efron die Rede. Sie spielen einen Vater und dessen Sohn in „At any Price“, dem Wettbewerbsbeitrag von Ramin Bahrani. Die Kritikerlegende Roger Ebert hat den 37-jährigen amerikanischen Filmemacher (u. a. „Chop Shop“), der schon Retrospektiven im MOMA und anderswo hatte, vor zwei Jahren zum Regisseur der Dekade erklärt.

In „At any Price“ erzählt Bahrani von einer Farmer-Familie in Iowa, die mit Saatgut handelt und der harten Konkurrenz, den Umbrüchen in der Landwirtschaft zu erliegen droht. Während man die grünen Maisfelder im Film sieht, muss man unwillkürlich an die Dürre in den USA denken, die derzeit tausende Farmer, auch Viehbauern, die Existenz kostet. „At any Price“ doppelt das Existenzdrama mit einem Generationskonflikt, in dem Zac Efron als Dean überzeugt: ein Bauernsohn, der lieber Rennfahrer werden will, aber dann doch nicht gut genug ist für die obere Liga. Efron ist nicht zufällig ein Idol: ein schöner Mensch, der in diesem Film darüber hinaus eine Grundtraurigkeit ausstrahlt. Ist er als Schauspieler besser geworden? Oder liegt es eher an Drogen und Alkohol? Auch das sind so Fragen beim Filmfestival Venedig.

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