Lade Inhalte...

Filmfestspiele in Venedig Auftakt auf hohem Niveau

Die Venedig-Veteranen Damian Chazelle und Alfonso Cuarón eröffnen die Filmfestspiele mit „First Man“ und „ROMA“ auf hohem Niveau.

Filmfest Venedig
Von militärischen Untugenden getrieben: Ryan Gosling als Neil Armstrong in „First Man“. Foto: dpa

Florian Henckel von Donnersmarcks deutscher Wettbewerbsbeitrag in Venedig, das deutlich an der Biografie Gerhard Richters orientierte Künstlerdrama „Werk ohne Autor“, wurde der deutschen Presse bereits vor dem Festival gezeigt. Ein ungewöhnlicher Vorgang, der vom Festival nur mit einer strengen Embargo-Regel toleriert wird. 

Ausgerechnet die für die deutschen Oscar-Bewerbungen zuständige Exportvereinigung German Films brach am Donnerstag das Schweigegelübde, indem sie die ausführliche Jurybegründung veröffentlichte. Das Gremium, bei dem Wirtschaftsvertreter gegenüber Künstlern und Kritikern in der Mehrheit sind, hat Donnersmarck eine salbungsvolle Kritik geschrieben – und einmal mehr den hoch angesehenen Filmkünstler Christian Petzold übergangen, der mit seinem Flüchtlingsdrama „Transit“ nominiert war. 

„Unterstützt von einem grandiosen Schauspielerensemble“ habe Henckel von Donnersmarcks Film „große poetische Momente“ und gehe „gleichzeitig einer essentiellen, auch heute noch aktuellen Frage nach: Das Finden einer eigenen Haltung.“ Da könnte man auch anderer Ansicht sein. Doch kaum zufällig wird diese Nachricht zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, da die deutsche Filmkritik in Bezug auf „Werk ohne Autor“ mundtot ist: Die Pressevorführungen konnten Journalisten nur besuchen, wenn sie zuvor eine Embargo-Erklärung unterzeichneten. Erst nach der Weltpremiere am kommenden Dienstag wird also zu lesen sein, was von diesem Dreistundenfilm wirklich zu halten ist.

Jubel für „First Man“

Unisono schien dafür der Jubel, den am Mittwochabend der Eröffnungsfilm „First Man“ am Lido entfachte. Bevor der Amerikaner Damien Chazelle sein „La La Land“ bereiste, hatte er in seinem ersten Drehbuch einem Pianisten mit dem Tod bedroht, falls er nur einen falschen Ton spiele.

Bekannt wurde er mit dem Jazzfilm „Whiplash“, doch sein musikalischster Film bislang ist dieser.
Es ist der Rhythmus zitternder Cockpit-Nahaufnahmen und das Dröhnen vibrierenden Metalls, der den Zuschauer auf eine klaustrophobische Reise nimmt. Das „Space Race“ gegen die Sowjetunion zwängte in den sechziger Jahre tapfere junge Männer in fliegende Ofenrohre – und forderte dabei etliche Opfer.

Wie seine früheren Filme handelt das Neil-Armstrong-Biopic „First Man“ von eiserner Disziplin. Bis sich in der letzten Viertelstunde, deutlich beeinflusst von Stanley Kubrick und gedreht auf breitem Imax-Film, die erhoffte Freiheit einstellt, zeigt sich Armstrongs Biografie als Leidensgeschichte. Unfähig sich selbst den eigenen Kindern gegenüber zu öffnen, schöpft der wortkarge Astronaut seinen ganzen Mut aus Gefolgsamkeit und Pflichtbewusstsein.

Ryan Gosling überzeugt in einem fast statischen Spiel – und einer gänzlich ungewöhnlichen Heldenrolle, die das öffentliche Bild des ersten Mondbesuchers auf den Prüfstand stellt. Er ist getrieben von denselben militärischen Untugenden, die der sadistische Bandleader in „Whiplash“ mit der Peitsche predigte.

Cuarón selbst überrascht im Wettbewerb

Diese beklemmende Färbung orchestriert Chazelle zu einem ungewöhnlichen Zeitbild der von Hollywood sonst so gern in weichen Pastelltönen gemalten Sixties. Wie „2001 – Odyssee im Weltraum“ ist „First Man“ über weite Strecken ein Avantgardefilm – und als Spiegel des Kalten Kriegs zugleich politisches Kino. Heimliche Hauptdarstellerin ist Claire Foy, die treusorgende und schließlich rebellierende Ehefrau. Seit hier vor fünf Jahren Alfonso Cuaróns „Gravity“ Premiere hatte, war der Weltraum nicht mehr Schauplatz eines visuell so avancierten Kinos.

Cuarón selbst überrascht im Wettbewerb der Festspiele mit einem autobiographischen Sozialdrama über das Leben in Mexiko-Stadt in den frühen siebziger Jahren. Weite, schwelgerische Einstellungen fassen in „ROMA“ das pulsierende Klima einer von Straßenprotesten erschütterten Metropole in Bilder, wie man sie sich im historischen Kino nur selten leisten kann. 

Zugleich führen die erlesenen Schwarzweiß-Tableaus in das Innere des Klassensystems; im Mittelpunkt stehen zwei Frauen aus der Arbeiterklasse, von denen eine als Kinderfrau für einen reichen Haushalt arbeitet. Es ist ein Film, den man sich in seiner Karriere vielleicht nur einmal erlauben kann. Verwöhnt vom Hollywooderfolg investiert Cuarón ungeheure Mittel in einen Film der ganz und gar den eigenen Wünschen folgt. Was für ein Auftakt für das 75. Jubiläumsfestival am Lido.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen