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Filmfestival Venedig Verfehlte Kugeln und geraubtes Glück

Bildkräftig nimmt das Filmfestival Venedig Fahrt auf: Mit Orson Welles, den Coen-Brüdern und Luca Guadagninos Remake von „Suspiria“.

Suspiria
Tanz im Terrorherbst 1977: Luca Guadagninos Neubetrachtung des Horrorklassikers „Suspiria“. Foto: amazon studios/la biennale Venezia

Die Mehrzahl der überlangen Wettbewerbsfilme in Venedig beginnt mit den Logos der Streamingdienste Netflix und Amazon. Und „The Other Side of the Wind“ ist dabei nicht der einzige, der besser kürzer geblieben wäre. Das also hat man davon, wenn man den Königen des Serienfernsehens das Kino überlässt. Joel und Ethan Coen drehten ihren düsterromantischen Wildfestfilm „The Ballad of Buster Scruggs“ ebenfalls für Netflix, und genau besehen bedient diese makabere Anthologie ein Serienformat. 

Der Sänger Nick Cave besang einmal ein Country-Album mit Mörderballaden und wunderte sich später, dass sich diese Parodie besser verkaufte als seine „seriösen“ Platten. Das könnte hier auch passieren: Jede der fünf Geschichten über tragische Tode, verfehlte Kugeln und geraubtes Glück, atmet den Biedermeier-Glanz der Wildwest-Gemälde von Frederic Remington, während die Schwärze diese Sammlung eindeutig zum echten „Coen“ macht.

Es ist genau die Balance zwischen Original und Fälschung, Ernst und Spott, an der Orson Welles so tragisch scheiterte. Die Coens klauen wie die Elstern, doch was sie finden, putzen sie auf und lassen es erhaben glänzen. James Franco verschaffen sie einen grandiosen Auftritt als singendem Pistolero, Singer-Songwriter-Ikone Tom Waits brilliert dafür als murmelnder Goldgräber. Die finsterste Episode orientiert sich an Disneys Pinocchio und spielt im Wagen eines bösen Schaustellers. Die Frage Kino oder Fernsehen wird angesichts der prachtvollen Bilder obsolet.

In der Tat ist Venedig das bildkräftigste Festival des Jahres, und auch das italienische Kino findet zu den Schauwerten zurück, für das es einmal weltbekannt war. Luca Guadagnino („Call Me by Your Name“) hat Dario Argentos Horrorklassiker „Suspiria“ einer faszinierenden Neubetrachtung unterzogen. Die 152 Minuten führen eine junge amerikanische Ballerina ins Berlin zur Zeit des deutschen Terrorherbsts von 1977. Das Ensemble, das sie mit offenen Armen empfängt wird geleitet von Tilda Swinton, die ihr autoritäres Charisma zu gleichen Teilen bei Pina Bausch und Marina Abramovic abgeschaut hat. Doch die ekstatischen, von Sasha Waltz überwachten Choreographien haben dunkle Wurzeln, die über den deutschen Ausdruckstanz erst in die Nazizeit führen und weiter in okkulte Tiefen.

Entschieden bestritt Swinton bei der Pressekonferenz, unter Pseudonym auch die einzige männliche Hauptrolle zu verkörpern, einen greisen Psychoanalytiker. Spätestens bei der Vergabe des DarstellerInnenpreises am kommenden Samstag werden wir sehen, mit wie vielen silbernen Löwen sie nach Hause geht.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

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