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Filmfestival Venedig Verfehlte Kugeln und geraubtes Glück

Bildkräftig nimmt das Filmfestival Venedig Fahrt auf: Mit Orson Welles, den Coen-Brüdern und Luca Guadagninos Remake von „Suspiria“.

Suspiria
Tanz im Terrorherbst 1977: Luca Guadagninos Neubetrachtung des Horrorklassikers „Suspiria“. Foto: amazon studios/la biennale Venezia

Es gibt nur wenige unveröffentlichte Filme, um die sich ähnliche Legenden ranken wie „The Other Side of the Wind“ von Orson Welles. Sein letztes großes Werk konnte Welles zwar abdrehen aber nicht mehr zu Ende schneiden und vertonen. Nach vierzig Jahren Drehzeit erlebte es am Freitag in Venedig eine dann doch eher glanzlose Premiere.

Welles’ letzte Lebenspartnerin Oja Kodar, weibliche Hauptdarstellerin, Co-Autorin und über Jahrzehnte die treibende Kraft hinter immer neuen fruchtlosen Anläufen zur Fertigstellung, ließ sich aus familiären Gründen entschuldigen – und das Publikum allein mit ihrer Leinwandschönheit. Selbstzweckhaft schreitet sie, nur mit indianischen Ketten bekleidet, durch Wüstenlandschaften – oder auch schon mal als Duchamp’scher Akt eine Treppe hinunter. Schwer verliebt und offenbar bemüht, ihr ein ähnlich unvergessliches Denkmal zu setzen wie seiner früheren Ehefrau Rita Hayworth in der Spiegelszene aus „Die Lady von Shanghai“, fügt Welles ihren Körper in spätkubistische Kompositionen.

John Huston verkörpert Welles’ alter ego

Kein Wunder, dass er in seinem gewitzten Essayfilm „F wie Fälschung“ mit dem Gedanken spielte, Kodar könnte sogar Picassos Muse sein. John Huston verkörpert Welles’ alter ego: Einen Hollywoodveteranen, der es noch einmal wissen will und seine jungen Bewunderer zur Vorführung eines Experimentalfilms einlädt.

Als ein selbstreferenzielles Werk über das Filmemachen und die Rolle eines alten Meisters in den unsteten Zeiten des New Hollywood hatte Welles seinen Film angelegt, sein Problem ist der Spagat zwischen Selbstironie und Selbstverliebtheit. Herzstück ist der prächtig gescheiterte „Film im Film“, der streckenweise Antonionis „Zabriskie Point“ parodiert. Aber sind die ausladenden Aktszenen, die den falschen Schick eines Pirelli-Kalenders ausstrahlen, wirklich ganz ironisch zu verstehen? 

Auch „F wie Fälschung“ lebt von genau dieser Ironie, doch der Respekt von Welles’ Bewunderern, die nun die Fertigstellung überwachten – Welles-Intimus Peter Bogdanovich, Starproduzent Frank Marshall, der sich bei Welles erste Sporen als Aufnahmeleiter verdiente, und Schnittmeister Bob Murawski - verhinderte alles Spielerische, das Welles ja vor allem auszeichnete. Nicht von ungefähr hatte er mit Gary Graver einen Pornofilmer als Kameramann angestellt.

Dieser dankte Welles die Anerkennung mit treuer Ergebenheit. Aber welchen Kunstwert wollte Welles selbst diesen Bildern zwischen Ironie und Ernst tatsächlich geben? Oder hält er einfach seinen Kollegen von Old Hollywood, den Spiegel vor? Anfang der Siebziger Jahre probierten Veteranen wie Otto Preminger, Vincente Minnelli und George Cukor weitgehend glücklos Stilmittel der Avantgarde aus. Ist Welles hier selbst in die Falle getappt, die er aufzeigen wollte?

Anders als der halblange Rohschnitt von Welles’ Hand, den Kodar dem Münchner Filmmuseum überließ, erweckt die posthume Fassung tatsächlich diesen Eindruck. Endlose Partyszenen, eine muffige Eifersuchtsgeschichte (Lili Palmer hat einen Kurzauftritt als Ehefrau) und Michel Legrands uferlose Filmmusik und überflüssige digitale Effekte zeigen diese große Filmruine „The Other Side of the Wind“ nicht von ihrer besten Seite.

Dennoch kann man froh sein, dass die über tausend Filmrollen endlich das Pariser Depot verlassen konnten. Vielleicht findet sich ja wirklich nochmal ein Filmgenie, das etwas daraus macht. Oder sollen wir gar Netflix, Hollywoods Lieblingsfeind, die Schuld geben?

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

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