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Filmfestival Venedig Verborgene Wahrheiten

Venedig vor der Preisverleihung: Zwei Missbrauchsdramen und ein denkwürdiger Auftritt von Jim Carrey.

Hannah
Studie der Vereinsamung und des inneren Werteverlusts: Charlotte Rampling in „Hannah“. Foto: la biennale.org

„Wir Menschen sind wie Perlen“, sagt Jim Carrey. „Aller Glanz verbirgt nur das winzige Körnchen Dreck, aus dem wir in unserem Innersten bestehen. Und unser ganzes Leben hoffen wir, dass niemand merkt, wer wir wirklich sind.“

Carrey ist nicht der erste große Filmkomiker, der sein Publikum durch die Offenbarung von Selbstzweifeln überrascht. Doch wie tief seine autobiographische Reise ins staubige Innere der menschlichen Existenz vorstoßen wurde, hätte am Anfang der vielleicht erstaunlichsten Vorführung dieses Festivals niemand gedacht. In einem silbrig glänzenden Abendanzug von etwas grenzwertigem Schick hatte er den Sala Grande des Festivalpalastes betreten, doch anstatt sich artig hinzusetzen den Aufgang zum Balkon als Showtreppe entdeckt. Wie ein Chorus-Girl in einem alten Musical stolzierte er sie auf und ab, die Beine in Kinnhöhe nach oben werfend. Nur um danach von der Leinwand aus seine Kunst als Flucht vor der inneren Leere zu beschreiben.

Unter dem komplizierten Titel „Jim & Andy: the Great Beyond – the Story of Jim Carrey & Andy Kaufman with a very special contractually obligated mention to Tony Clifton“ präsentierte er unveröffentlichtes Videomaterial aus seinem Privatarchiv. Es sind sensationelle Backstage-Aufnahmen des Milos-Forman-Films „Man on the Moon“.

„Ich hatte allen je erträumten Erfolg, es bedeutete mir nichts“

Formell firmiert Chris Smith als Regisseur, der Carrey zu den Bildern interviewt. Während der gesamten Drehzeit des Biopics über den verstorbenen Anarcho-Komiker Andy Kaufman blieb Carrey damals in der Rolle – wenn er nicht gerade in die ebenfalls von ihm dargestellte Figur des Tony Clifton schlüpfte. Auch für Regisseur Forman war er als Carrey nicht ansprechbar, selbst wenn dieser verzweifelt seine Filmfigur anflehte, diesem etwas auszurichten. Dafür wurde er von der Familie des toten Komikers wie ein auferstandener Sohn betrachtet. Es ist Videomaterial von gespenstischer Anmut, dem fertigen Film mitunter derart überlegen, kein Wunder, dass es die Produktionsfirma es seinerzeit zurückhielt.

Glaubt man Carrey, war das völlige Verschwinden in einer Rolle für ihn nichts Ungewöhnliches. Auch die „Truman Show“ habe ihn in exakt jener Scheinexistenz erfasst, von der dieser Film erzählte. „Ich hatte allen je erträumten Erfolg, und es bedeutete mir nichts. Heute bin ich wahrscheinlich der einzige Mensch in Los Angeles, der absolut keinerlei Ambition besitzt.“ Und mit Blick auf den Tod fügt der 55-jährige hinzu: „Das einzige, was mich noch neugierig macht, ist, was danach kommt. Wahrscheinlich ja Nichts.“ Auch das kann Starkino am Lido sein: Tief erschüttert erhob sich das Publikum zu stehenden Ovationen. Und Carrey tanzte noch einmal auf der Treppe. Mit einer lässigen Geste setzte er sich eine Sonnenbrille auf, nur um sie noch lässiger ins Publikum zu schnipsen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

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