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Filmfestival Venedig „Roma“ vom Alfonso Cuarón gewinnt den „Goldenen Löwen“

Mit Alfonso Cuaróns „Roma“ gewinnt ein schwelgerischer Autorenfilm den Goldenen Löwen bei der seit Jahren besten Ausgabe des Filmfestivals Venedig.

Alfonso Cuarón bei den Filmfestspielen in Venedig
Der ausgezeichnete Mexikaner Alfonso Cuarón. Foto: dpa

Der geflügelte Löwe – für den kanadischen Meister David Cronenberg, der ihn für sein Gesamtwerk bekam, ist er ein wunderbares Monster,   „ein Monster der Kunst, durchaus kampflustig, diese zu verteidigen“. Den Zorn des Löwen braucht die Jury unter Guillermo del Toros Leitung nicht zu fürchten. „Roma“, der diesjährige Hauptpreisträger von Alfonso Cuarón ist zweifellos ein Kunstwerk. Und wer jetzt behauptet, der Preis sei erstmals an Netflix gegangen, verwechselt Ross und Reiter.

Der gebürtige Mexikaner schuf einen Autorenfilm wie es nur je einen gegeben hat: Gespeist aus Erinnerungen an seine Kindheit in Mexiko-Stadt, schrieb und inszenierte er den Film nicht nur, er war auch am Schnitt beteiligt und fotografierte persönlich die magisch-realistischen Schwarzweißaufnahmen.

Im Mittelpunkt stehen zwei Angestellte in einem wohlhabenden Haushalt, die Kinderfrau und die Haushälterin. „Es ist eine Hommage an die Frauen, die mich aufgezogen haben“, erklärte Cuarón vorab, doch ebenso ist es eine Hommage an Max Ophüls, dessen choreografiertes Kamera- und Ensemblespiel man darin wiedererkennt. Oder an Vittorio de Sica, dessen Neorealismus hier in Venedig die häufigste Assoziation gewesen sein mag. Und wenn es eben Netflix gebraucht hat, um dem zweifachen Oscar-Preisträger des Welterfolgs „Gravity“ diesen Wunsch zu erfüllen, dann soll sich der Streamingdienst doch mit diesem Löwen schmücken.

Was für ein Dilemma: Da kommt ein um Marktdominanz bemühter Heimkino-Befüller auf die Idee, für namhafte Regisseure Aladins Lampengeist zu spielen. Was ist, wenn sie dabei für ein paar Jahre ihre angestammte Heimat, das Kino, aus den Augen lassen und dann wiederkommen und es ist schon nicht mehr da?

Immer wieder wird in „Roma“ ins Kino gegangen, in die wohl mehrheitlich schon längst versunkenen Traumpaläste, zum Beispiel für einen kruden Science-Fiction-B-Film, in dem ein Astronautenpaar im Weltraum taumelt. Gravitätisch ist alles in „Roma“, jedes Detail schwebt ist an seinem Platz, nur die Gesellschaft, die Cuarón porträtiert, taumelt in dramatischem Ungleichgewicht ins Chaos. Geradezu hyperrealistisch inszeniert Cuarón Massenszenen wie das Corpus-Christie-Massaker von 1971, als mit staatlichem Segen Studentenproteste niedergeschlagen wurden. Nie wirken die opulenten Tableaus dabei selbstzweckhaft oder verlören je ihre narrative Funktion aus dem Sinn. Im Dezember kann man sich auch in Deutschland ein Bild davon machen, jedoch nach derzeitigem Stand kein Kinobild.

Was für ein Festival: Selten war ein Wettbewerb so voller guter Filme, und auch in den Nebenreihen gab es Meisterwerke. Die hohe Qualität von Mary Harrons Hippie- und Gefängnisdrama „Charlie Says“, in der Reihe Orizzonti gezeigt, warf die Frage auf, warum nur eine Frau im Wettbewerb vertreten war. Harron, die sich bereits in Filmen wie „I Shot Andy Warhol“ und „American Psycho“ mit Gewalt im Gender-Diskurs befasst hat, beleuchtet mit semidokumentarischer Disziplin das Schicksal der Helferinnen des Serienmörders Charles Manson. Fraglos selbst Opfer der manipulativen Fähigkeiten des selbsternannten Gurus, verbüßen die Überlebenden bis heute lebenslange Haftstrafen. Vielleicht war der Film dem Festival für den Wettbewerb zu unspektakulär, doch genau das ist seine Qualität.

Einen Mangel an Effekt kann man der Australierin Jennifer Kent bei ihrem Wettbewerbsbeitrag „The Nightingale“ dagegen nicht vorwerfen. Das Genre, das sie bespielt, ist der Rape-Revenge-Thriller: Ein sadistische Offizier und seine Entourage haben eine junge Frau vergewaltigt und ihre Familie ermordet. Nun kämpft sie sich mit einem bezahlten Helfer, der als Aborigine ebenfalls unter der Kolonialmacht zu leiden hat, durch den tasmanischen Busch, den Tätern auf der Spur. Fünf Vergewaltigungen und etliche Morde bereiten den Boden für eine wenig differenzierte Behandlung des Themas Selbstjustiz.

Diesen wenig originellen Genrefilm mit gleich zwei Preisen auszuzeichnen, warf kein gutes Licht auf die Jury, die sich ansonsten blind zeigte für die wirklich radikalen Experimente in diesem Wettbewerb: Sowohl der Brady Coberts Musikerdrama „Vox Lux“ als auch das betörende ungarische Mystery-Drama „Sunset“ von Lászlo Nemes bewiesen virtuos, dass die Möglichkeiten des 35mm-Materials längst nicht ausgereizt sind.

Einen einzigartigen Platz für Innovationen hat Venedig auch mit seinem imponierenden Wettbewerb von Virtual-Reality-Werken. Den Hauptpreis gewann eine faszinierende interaktive Installation der amerikanischen Künstlerin Eliza McNitt: „Spheres: Chorus of the Cosmos“. Produziert von Darren Aronofsky, lädt das Werk den Benutzer ein, das Universum durch Klänge zu verstehen. Man fühlt sich wie Micky Maus, der in Disneys „Fantasia“ die Planeten dirigierte, ein sinnlich-kreatives Werk von enormer audiovisueller Kraft. Was für ein Ausklang für eine ganz besondere Festivalausgabe.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

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