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Filmfestival Venedig Ehestreit am Lido

Eine Pleite, ein letzter Löwen-Kandidat: Abdellatif Kechiches „Mektoub, My Love“ und Frederic Wisemans Dokumentar-Kunstwerk „Ex Libris“.

Szene aus „Mektoub, My Love“
Spekulatives Schmachten: Szene aus Abdellatif Kechiches „Mektoub, My Love“. Foto: labiennale.org

Als Abdellatif Kechiche im vergangenen Juni ankündigte, seine Goldene Palme versteigern zu lassen, war ihm die Aufmerksamkeit der Filmwelt sicher. Der Trophäe, die er für „Blau ist eine warme Farbe“ erhalten hatte, solle für mindestens 50.000 Dollar den Besitzer wechseln, erklärte der Regisseur damals dem Branchenblatt „Hollywood Reporter“. Anders könne er den Nachfolgefilm „Mektoub, My Love“ nicht abschließen, nachdem der französische Verleih und Mitproduzent Pathé die Rohschnittabnahme verweigert habe. Die Verfilmung des Romans von François Bégaudeau war ihm statt der vereinbarten zwei Stunden Laufzeit glatt dreimal so lang geraten.

Geboten hat bislang noch niemand, aber in einem übertragenen Sinne hat Kechiche die Palme, von der er sagt, dass sie ihm nicht viel bedeute, tatsächlich bereits zurückgegeben. Nach den zum Teil vehement vorgebrachten Voyeurismus-Vorwürfen, der seine Darstellung einer lesbischen Liebesgeschichte vor allem in Frankreich ausgesetzt war, lässt er der angeblichen Männerphantasie nun eine Männernostalgie folgen: Von den ersten drei Stunden, die gestern von „Mektoub, My Love“ am Lido liefen, zeigen zwei leicht bekleidete junge Menschen am Strand und in der Disco. Die Kamera folgt dem schwelgerischen Blick eines jungen Fotografen und angehenden Filmemachers, wobei sie oft sogar vergisst, dass zu Brüsten und Pos auch noch ein Kopf gehört. Die drei Stunden reichen gerade einmal für die Vorgeschichte der Romanvorlage. Der eigentliche Konflikt des etwa zwanzigjährigen Amin, der sich zwischen Kunst und Liebe entscheiden muss, als sich die Frau seines Produzenten in ihn verguckt, kommt gar nicht vor.

Die lebendigsten Szenen sind dabei jene, die im tunesischen Familienrestaurant spielen, wo sich Frauen zweier Generationen über die Männer austauschen, die sie umschwärmen. Vor allem Casanova Toni, der ältere Cousin des Helden, sorgt da für Gesprächsstoff. Am Ende aber liegen alle dem enthaltsamen Amin zu Füßen, dem angehenden Künstler, der sogar einmal einen Strandtag opfert, um die Geburt eines Kälbchens zu fotografieren. Während in den Disco-Szenen kein Dance-Hit der Spielzeit in den frühen 90er Jahren ausgelassen wird, untermalt Kechiche die Stallszenen feierlich mit Mozartarien.

Wer bei diesem Festival in Darren Aronofskys Dichter-Musen-Drama „mother!“ ein konservatives Frauenbild beklagte, findet hier das männliche Pendant, ein romantisiertes männliches Künstlerbild: Den schwelgerischen Genießer, der sich an den Schönheiten der Schöpfung berauscht, und dabei Sonnenuntergänge, Tiergeburten und Frauenkörper mit dem gleichen Elan in Kunst verwandeln möchte. Schmachtende Frauenblicke belohnen ihn dafür mehr, als wir es glauben möchten. Oder, wie es im Dialog einmal heißt: „Wie machst du, das nur, hast du Honig an dir?“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

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