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Filmfestival Venedig Die Schöne und das Tier

Natalie Portman beschert Venedig als „Black Swan“ einen umjubelten Festivalauftakt. Julian Schnabel opfert dagegen in dem Palästinenser-Drama "Miral" seine Kunst der guten Absicht.

Natalie Portman beschert Venedig als „Black Swan“ einen umjubelten Festivalauftakt. Julian Schnabel opfert dagegen in dem Palästinenser-Drama "Miral" seine Kunst der guten Absicht.

Es ist weit von den abgetakelten Kampfarenen, den staubigen Spielorten von „The Wrestler“, Darren Aronofskys Gewinnerfilm in der Festivalausgabe von 2008, zu New Yorks weltberühmter Ballet Company. Doch der Amerikaner hat den direkten Weg gefunden. Man hätte es ahnen können: Er führt über Blut, Schweiß und Tränen.

Es fließt eine Menge davon in „Black Swan“, dem Eröffnungsfilm am Lido, allerdings nicht in den vorgezeichneten Bächlein klassischer Backstage-Dramen oder „Amerika sucht den Superstar“. Aronofskys Film ist so schwarz wie sein Schwan, der in Tschaikowskys Ballett eine unbefleckte Artgenossin in den Selbstmord treibt. Wer hätte gedacht, dass man in einem derart sattgehörten Stück der populären Klassik noch diesen finsteren Sog aufspüren kann?

Doch man hört nicht nur Pjotr Iljitsch mit neuen Ohren: Hier schwelgt ein Virtuose des Kinos in großen Gesten, die mancher andere Regisseur längst in die Mottenkiste des Überstrapazierten abgeschoben hat. So wie mancher Choreograf das alte Schwanen-Tutu.

Der weiße und der schwarze Schwan verkörpern Unschuld und Bosheit

Die Auferstehung ist umso großartiger. Es ist, als habe man „Die roten Schuhe“, den todessehnsüchtigen Technicolor-Klassiker von Powell und Pressburger, gekreuzt mit Brian de Palmas Horrormärchen „Carrie“. Solche Filme werden bekanntlich vermisst – und so kam Venedig zu einer nahezu einhellig umjubelten Festivaleröffnung.

Einen „Klassiker – neu gesehen“ verspricht auch Vincent Cassel als ehrgeiziger Star-Choreograf seinen Sponsoren. Schnell balgen sich alle besseren Tänzerinnen um die Hauptrolle, auch wenn die Ansprüche kaum zu erfüllen scheinen: In der Doppelrolle von weißem und schwarzem Schwan sollen Unschuld und Bosheit ineinander fließen.

Natalie Portmans Nina gewinnt das Rennen knapp vor einer Rivalin. Doch die, der personifizierte schwarze Schwan, gibt sich noch lange nicht geschlagen. Während der verführerische Cassel den letzten Tropfen aus seiner Nina presst, muss diese erst einmal selbst die schwarze Seele in sich befreien.

Tatsächlich aber erkennt man schnell, was der neurotischen Elevin noch mehr als die Premiere zu schaffen machen wird: Eine überbehütende Mutter (Barbara Hershey), deren vergiftete Liebe selbst für einen Norman Bates eine echte Herausforderung wäre.

Es ist wahr – all diese bewährten Psycho-Versatzstücke kamen nur notdürftig abgestaubt aus dem Fundus. Aber wie Natalie Portman alle Facetten unterdrückter Lust hervorzaubert, dabei binnen weniger Taktschläge zwischen Schönheit und Schrecken changiert, das ist faszinierend bis zum letzten Augenblick. Nicht nur der Klassiker „Schwanensee“ ist auferstanden. A star is re-born.

Das einzige was in diesem Film zu jener Perfektion strebt, die sich seine Heldin so bitter ertanzen will, sind wirklich gute Tanzszenen. Aber Aronofskys ist eben ein Choreograf der filmischen Mittel, und so tanzen eben Farben und Schnitte auf der Leinwand.

In der New Yorker Tanzszene war er bei seinen Recherchen im übrigen nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden: „Normalerweise freuen sich ja die Leute, wenn man Filme über ihre Arbeit macht“, sagte der Regisseur in Venedig. „Aber nicht beim Ballett. Die haben noch nicht mal zurückgerufen!“

Auch sein Landsmann Julian Schnabel ist ein Virtuose mit der Kamera. Sein faszinierendes Lebens- und Sterbedrama „Schmetterling und Taucherglocke“ versöhnte das literarische Art House Kino der Gegenwart mit der Filmavantgarde. Wenn man dergleichen doch von seinem neuen Werk „Miral“ sagen könnte!

In seiner Verfilmung des Tatsachenromans von Rula Jebreal führt Schnabel in die Jerusalemer Schule, die von der Philanthropin Hind Husseini 1948 für palästinensische Waisenkinder gegründet wurde.

Schnabels Film leistet ausgewogen informierende Aufklärungsarbeit für Amerika

Erst nach einer ausführlichen Rekapitulation zweier Jahrzehnte israelisch-arabischer Geschichte findet der Film seine eigentliche Protagonistin in einer Schülerin, die als Waise nach dem Sechs-Tage-Krieg in die Schule kommt und als Teenager beinahe im radikalen Flügel der PLO unter die Räder kommt.

Betont ausgewogen vermittelt Schnabels Film stets beide Perspektiven, stellt israelischen Folterpolizisten die mafiösen Strukturen innerhalb der palästinensischen Befreiungsorganisation gegenüber. Für die amerikanische Öffentlichkeit leistet Schnabel hier wichtige Aufklärungsarbeit, doch was in „Miral“ vor allem unter die Räder kommt, ist die Kunst. Nur in wenigen Massenszenen wie der Beerdigung Husseinis, die mit einem Song von Tom Waits unterlegt wird, arbeitet der vor allem als Maler berühmte Filmemacher überhaupt visuell. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte des Politkinos, das ein Filmemacher seine Kunst der guten Absicht opfert.

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