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Filmfestival Venedig Der Geist aus dem Wasser

Was für ein Auftakt: Das Filmfestival Venedig überschüttet sein Publikum mit kunstvollem Kino von Alexander Payne, Guillermo del Toro, Paul Schrader und Shirin Neshat.

Venedig
Eine eigenwillige Mixtur aus „Der Froschkönig“ und „E.T.“: Sally Hawkins in Guillermo del Toros Film „The Shape of Water“. Foto: Twentieth Century Fox Film

Eigentlich könnte man schon wieder nach Hause fahren: Fünf richtig gute Filme in eineinhalb Tagen, das ist mehr als manches andere Festival in eineinhalb Wochen anzubieten hat – und wenn man ehrlich ist, ist das auch hier im letzten Jahr nur knapp gelungen. Dabei ist das Verhältnis zwischen den am Lido fast notorischen Oscar-Bewerbern aus Hollywood (Alexander Paynes „Downsizing“, Guillermo del Toros „The Shape of Water“), Altmeisterlichem (Paul Schraders „First Reformed“) und internationalem Kunstkino ausgewogen.

Wie im letzten Jahr, als die Eröffnung dem eleganten aber doch auch etwas selbstverliebten „La La Land“ gehörte, sieht man Paynes Beitrag das erhoffte Oscar-Gold förmlich wie Dollarzeichen aus den Augen blitzen. Dabei liegt der Reiz nicht in der hübschen Idee allein, die Menschheit könne ihre Zukunft und die des Planeten retten, wenn der Homo Sapiens auf zwölf bis dreizehn Zentimeter schrumpfte. In echter Nachfolge zu Swifts „Gullivers Reisen“ staunt man vor allem über die Gesellschaftssatire, die sich dahinter verbirgt.

Hübscher Traum mit kurzen Beinen

Matt Damon spielt einen glücklosen Altruisten, der sich begeistert schrumpfen lässt. Seine Misere beginnt bereits damit, dass ihn seine Frau bei der geplanten Ankunft im modernen Liliput versetzt. Sie hat es sich anders überlegt, und als schließlich ein riesiges Scheidungsdokument eintrifft, kann sich der Arme auch das luxuriöse Puppenhaus nicht mehr leisten, in dem er residiert. „Versuchen Sie so groß wie möglich zu unterschreiben“, ist alles, was der Anwalt dem Winzling raten kann.

Der hübsche Traum, in einer Miniwelt werde jeder automatisch zum Millionär, hat offensichtlich kurze Beine. Auch dort regiert der Kapitalismus und verbannt die Ärmsten in Wohnsilos aus Schuhkartons. Das Unglück des Helden soll unseres nicht sein. In seiner bescheidenen Etagenwohnung trifft er auf zwei Glücksritter als Nachbarn, die man nicht besser hätte besetzen wollen: Christoph Waltz und Udo Kier verdienen ihr Geld damit, aus einer Cohiba-Zigarre aus der Welt der Großen 2000 kleine zu drehen oder teures Parfüm in Mini-Fläschchen zu füllen. Ihrem Nachbarn ist mit der Dauerparty-Laune des deutsch-österreichischen Gespanns kaum geholfen. Erst in der Liebe zu einer vietnamesischen Dissidentin, die ein Flüchtlingsdrama im Fed-Ex-Karton überlebt hat, findet sein Leben wieder Sinn. Im Werk des „Sideways“-Regisseurs ist „Downsizing“ der böseste Film und wohl auch der lustigste.

Auch Guillermo del Toro weiß den Surrealismus am Leben zu erhalten, wenngleich auf eine deutlich romantischere, ja fast pathetische Art. Dennoch ist auch „The Shape of Water“ nicht frei von einer überraschend feinen Ironie. Im Amerika des Jahres 1962 ist der Krieg kalt, aber die Farben sind warm. Sally Hawkins hat als stumme Raumpflegerin in einem geheimen Forschungslabor nicht allzu viel von der Jukebox-Seligkeit eines prosperierenden Amerika. Auch ihr von Michael Shannon gespielter Maler, ein homosexueller Illustrator im Stil von Norman Rockwell, bemerkt traurig über sich, er hätte wohl früher oder später geboren sein sollen.

Internationale Kunstfilme

Selbst das Kino, in dessen Dachwohnung die beiden wohnen, hat bessere Tage gesehen. Überall flimmern Fernsehgeräte. Der Besitzer ist schon froh, wenn sich vier Zuschauer einfinden, um sich den Bibelschinken „Das Buch Ruth“ anzusehen. Doch immerhin gab es auch schon Filme wie „Das Ungeheuer der schwarzen Lagune“, dessen Titelheld den eigentlichen Star des Films inspiriert hat: Gefangen und gefoltert von den Militärs in ihrem geheimen Labor, lebt dort ein Kiemenwesen. Als es vor der Heldin plötzlich aus seinem Bassin auftaucht, bekommt der Film eine märchenhafte Wendung, die sich am besten als Mischung aus „Der Froschkönig“ und „E.T.“ beschreiben lässt.

Auch „The Shape of Water“ ist ein Amphibienwesen von einem Film, das viel auf einmal sein möchte. Gefährlich nah ist vieles an der Stimmung von „Die fabelhafte Welt der Amelie“, dann fürchtet man ein Versinken in den Puppenstuben der Detailverliebtheit, doch dann geht es jedes Mal auch wieder gut.

Zwei internationale Kunstfilme in den Nebensektionen bewiesen unterdessen Glück ausgerechnet in jenem Genre, an dem derzeit die meisten Debakel zu erleben sind: Sowohl die Berlinale als auch Cannes scheiterten zuletzt mit Biopics aus der Musikbranche („Django“ und „Dalida“). Nun weisen zwei Filmemacherinnen neue Wege. Shirin Neshats „Looking for Oum Kulthum“ ist eine Annäherung an den größten Gesangsstar der arabischen Welt, die gleichnamige ägyptische Diva.

Den Spagat zwischen Legende und Wahrheit löst die iranisch-amerikanische Filmkünstlerin, indem sie Kulthums Leben als Film im Film erzählt. Die Haupthandlung des vom Österreicher Martin Gschlacht erlesen fotografierten Films beschreibt die Rolle einer weiblichen Regisseurin in einer männlich dominierten Filmindustrie.

Die Italienierin Susanna Nicchiarelli hat sich auf mindestens ebenso originelle Weise dem Velvet-Underground-Star gewidmet: „Nico, 1988“ behandelt die letzten Lebensjahre der heroinsüchtigen Sängerin auf der Suche nach später Anerkennung als selbstbestimmter Künstlerin. In einfachen 4:3-Bildern und mit einer kongenialen Hauptdarstellerin und Sängerin (Trine Dyrholm) gelingt ein dezenter Realismus, offen und stimmig.

Überraschung von Altmeister Paul Schrader

Die größte Überraschung aber kommt von Altmeister Paul Schrader, der zuletzt zumeist enttäuschte. Der Autor von „Taxi Driver“, der seinen größten Erfolg als Regisseur mit einer Annäherung an den Dichter „Mishima“ hatte, führt die Themen beider Filme nun zusammen. Im Mittelpunkt von „First Reformed“ steht die Radikalisierung eines Predigers. Dass es sich bei dem Geistlichen, der einen jungen Umweltschützer nicht vom Selbstmord abhalten kann und sich in den Besitz eines noch intakten Sprengstoffgürtels bringt, um einen liberal gesonnen Christen handelt, erlaubt vielfältige Deutungen.

Ethan Hawke spielt eine seiner besten Rollen mit dieser zerbrechlichen Figur, dessen Zorn sich gerade auf die konservativen Kleriker richtet. Ebenfalls im 4:3-Format in asketischen Kompositionen eingefangen, gelingt Schrader ein ungemein geschlossenes Werk mit deutlichen Anklängen an einen Meister religiöser Dramen, den Dänen Carl Theodor Dreyer.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

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