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Filmfestival Venedig Cineastische Bilderrätsel

Florian Henckel von Donnersmarck nähert sich in „Werk ohne Autor“ weitgehend verständnislos der Biografie Gerhard Richters, Julian Schnabel umso erfolgreicher der späten Zeit Van Goghs.

Filmfest Venedig - "Werk ohne Autor"
Künstler Kurt Barnert (Tom Schilling) in einer Szene des Films „Werk ohne Autor“ Foto: Buena Vista International/Pergamon Film / Wiedemann & Berg Film/Disney

Auch Hollywoodfilme, die man vergisst, brauchen eine gewisse Zeit, bis sie wirklich aus dem Gedächtnis verschwunden sind. Vor acht Jahren erntete Florian Henckel von Donnersmarcks Hollywoodausflug „The Tourist“ beim Filmfestival Venedig ein Buhkonzert bei der Presse. Das ist lange her, Zeit genug für den Oscar-Preisträger von „Das Leben der anderen“ mit einem Film in diesen Wettbewerb zurückzukehren und zugleich zu seinen Wurzeln.

Wie „Das Leben der anderen“ ist „Werk ohne Autor“ ein Drama aus der deutschen Geschichte, abermals spielt die Rolle der Künstler in einer Diktatur eine entscheidende Rolle. Doch anders als bei seinem Oscargewinnerfilm wo erst nach Äußerungen des Schauspielers Ulrich Mühe über mögliche konkrete Rollenvorbilder diskutiert wurde, sind nun viele Figuren eindeutig belegt.

Wenn ein Bildhauer einen Filzhut trägt und aus dem nämlichen Material nebst einer Menge Fett seine Werke schafft, kann er auch ruhig „Antonius von Verten“ heißen – Beuys will be Beuys. Und wenn ein Kunststudent seine Op-Art-Bilder aus Zimmermannsnägeln hämmert, dann muss man nicht erst nach einer Günther-Uecker-Signatur suchen. 

Nazis und entartete Kunst

Beides aber sind nur Nebenfiguren, und bis ein junges Malertalent aus Dresden ihnen nach etwa der halben Spielzeit in Düsseldorf begegnet, haben wir auch seinen Namen längst erraten – auch wenn alle aus vermutlich rechtlichen Gründen nur „Kurt Barnert“ zu ihm sagen.
In einem wenig bekannten Detail in Gerhard Richters Biografie steckt für von Donnersmarck der Keim zu einer Mystery-Geschichte, deren düstere Tonart sich auf derselben Klaviatur begleiten und orchestrieren lässt. 

Und noch dazu gleich drei deutsche Diktaturen zusammenbringt: Die der Nazis, wo der kleine Kurt gemeinsam mit einer Tante, die Propaganda Ausstellung „Entartete Kunst“ besucht. Die der SED, wo er sein Talent in sozialistischen Realismus biegen muss. Und schließlich die Geschmacksdiktatur der Düsseldorfer Kunstwelt in den frühem 60er Jahren.

Die Mystery-Geschichte rankt sich um die Tante. Beim echten Gerhard Richter hieß sie Marianne, hier Elisabeth. Verkörpert von der ätherisch-schönen Saskia Rosendahl, hat sie selbst das Zeug zu einer Künstlerin und flüstert ihrem kleinen Neffen in der Nazi-Ausstellung zu: „Ich finde diese Bilder schön“. – „Alles, was wahr ist, ist schön“, belehrt sie ihren Schützling, der später den gleichen Satz von dem Mann mit dem Filzhut hören wird. Dann aber diagnostiziert ein Nazi-Mediziner ihre Verhaltensauffälligkeit als Schizophrenie, und ein SS-Euthanasie-Arzt unterschreibt bald darauf ihr Todesurteil.

Der investigative Journalist Jürgen Schneider machte in seiner Biografie „Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie“ mit diesem Mord bekannt, und er entdeckte eine gespenstische Wiederkehr dieser entsetzlichen Vergangenheit in Richters Leben. Henckel von Donnersmarck, der Schneiders Buch streckenweise so genau folgt, dass man ehrlicherweise von einem adaptierten Drehbuch reden müsste, fügt das Ungewisse zur Gewissheit: Der Vater von Richters erster Ehefrau war einer dieser ranghohen Euthanasieärzte, nun ist er eindeutig der Mörder der Tante des jungen Malers. In einer grimmigen Zuspitzung lässt ihn Donnersmarck auch noch die Tochter zur Abtreibung zwingen, als unwerter Künstlernachwuchs ins Haus steht.

Henckel von Donnersmarcks Unkenntnis der Kunst

„Meine Bilder sind klüger als ich“, lautet eines der bekanntesten Richter-Zitate. Es findet seinen Nachhall im Filmtitel „Werk ohne Autor“, doch Donnersmarck lässt den Satz nicht gelten. In seiner Version der Geschichte findet der Maler erst zu Stil und Erfolg, als er die Familiengeschichte in einem Doppelporträt auf die Leinwand bringt.

Kunst ist im Kino schon oft missverstanden worden, aber selten so gründlich. Henckel von Donnersmarcks Unkenntnis der Kunst der frühen 60er Jahre lässt ihn die Düsseldorfer Akademie als Ort des „Anything Goes“ karikieren, wo bereits die erst viel später akademisch anerkannte Performance-Kunst das sagen hat. Ausgerechnet der damals der Pop Art nahestehende Richter wird zum Vorbild einer Kunst, die wieder Inhalte transportieren möchte. Kunstgewerblich wie die Pseudo-Richter-Werke, die uns im ernstesten Moment des Films nur noch schmunzeln lassen, ist sein Filmstil – ein muffiges Ausstattungskino, wie es in Hollywood schon um 1960, der Spielzeit dieses geschichtsbessenen und doch –vergessenen Historiendramas, schon als altmodisch gegolten hätte.

Wie liebevoll erweist dagege

n der Maler-Regisseur Julian Schnabel der Kunstgeschichte seinen Respekt. Willem Dafoe spielt Van Gogh in Arles im Outdoor-Kammerspiel „At Eternity’s Gate“, gemeinsam mit dem legendären Drehbuchautor Jean-Claude Carrière hat er aus den Briefen des Malers ein philosophisches Stück über künstlerische Ethik destilliert. Die Essenz, ganz kurz gefasst: Van Gogh, der hier als nachdenklicher, selbstzweifelnder aber unkorrumpierbar optimistischer Suchender erscheint, war alles andere als verrückt. 

Das liebgewonnene Modell, Radikalität außerhalb der Gesellschaft zu verorten, macht Schnabel so bewusst – mit vielen Implikationen, die weit mehr über Kunst und Politik aussagt als Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem breiten Pinsel.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Filmfestspiele Venedig

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