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Filmfestival in Locarno Slapstick und Wirklichkeit

In seiner letzten Festivalausgabe in Locarno feiert der künftige Berlinale Chef Carlo Chatrian die Meisterkomödien von Leo McCarey, Max Davidson und Charley Chase.

Locarno kann einem wirklich leid tun: Der Himmel blau, die Berg- und Seenlandschaft niemals schöner, die Stimmung bestens. All das führt allabendlich zu Zuschauerrekorden auf der Piazza Grande, wo mehr als 6000 Zuschauer vor der monumentalen Leinwand sitzen. Und auch in den anspruchsvollen Festivalsektionen ist man begeistert über die gute und vielfältige Mischung.

Und doch ist da eine spürbare Melancholie, denn den Mann hinter diesem einzigartigen Festival, der auf seine zurückhaltende Art unkorrumpierbare künstlerische Leiter Carlo Chatrian, hat die Koffer schon gepackt: In Berlin beerbt er Dieter Kosslick als Berlinale-Chef. „Man kann nur hoffen, dass er dort auch so gute Retrospektiven veranstaltet wie in Locarno“, bemerkt Stefan Drössler, der Direktor des Münchner Filmmuseums und der Bonner Stummfilmtage. In diesem Jahr ist die umfassendste Werkschau eines Meisters der amerikanischen Filmkomödie zu erleben: Leo McCarey, dessen drei atemberaubende Screwball-Komödien mit Cary Grant, insbesondere „Es waren einmal Flitterwochen“, „Die schreckliche Wahrheit“ und „Meine liebste Frau“, einmal zu den Fernsehklassikern zählten.

Dann jedoch fand irgendjemand im öffentlich-rechtlichen Fernsehen heraus, dass sie schwarzweiß sind und damit angeblich nicht mehr quotentauglich. Diesen halbherzigen Populismus eines Mediums, das einmal die Filmgeschichte pflegte, führt Locarno täglich aufs Neue ad absurdum. „Ich habe seit Jahrzehnten nicht mehr so gelacht“, strahlt der langjährige Leiter einer Schweizer Filmzeitschrift. Mehr noch als die späten Meisterwerke sind es McCareys frühe Stummfilme, die das alte Rex-Kino vor Lachen förmlich beben lassen. Eigene Mini-Werkschauen der frühen Starkomiker erweitern die Retrospektive – Laurel und Hardy und die später lange in Vergessenheit geratenen Charakterkomiker Max Davidson und Charley Chase.

Die meisterhaften Langfilme von Chaplin, Harold Lloyd und Keaton haben uns vergessen lassen, zu welcher modernen Kunstform der Kurzfilm in den Hal-Roach-Studios gereift war – maßgeblich dank Leo McCarey. „What Price Goofy“ zeigt den großartigen, zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Top-Komiker des Studios, Charley Chase: Er ist kein Poet wie Chaplin oder Keaton; dafür aber ein ironischer Realist, dem die Glaubwürdigkeit seiner Figur oberstes Ziel war. Der stets ein wenig kleinbürgerliche, dafür aber charmant-freche Chase versucht verzweifelt, den Besuch einer attraktiven Professorin vor seiner Frau geheim zu halten. „Meine vorrangige Idee in der Komödienarbeit ist, alles glaubhaft erscheinen zu lassen. Sobald eine Figur karikiert wird oder unmöglich angezogen ist, ist die Ehrlichkeit der Geschichte verloren...“, erklärte Chase. Er war nicht wie Chaplin ein Tramp, der gerne ein Gentleman gewesen wäre, sondern ein wohlsituierter Normalbürger, der den inneren Lumpen nicht dauerhaft verbergen konnte.

Letzteres lässt sich auch von Max Davidson sagen, dessen meisterhafter Auftritt in „Pass the Gravy“ ihm bereits posthum den Publikumspreis von Pordenone beschert hatte. Unfassbar, dass man diesen liebenswerten und völlig einzigartigen Charakterdarsteller je hat vergessen können.

Unnachahmlich und voll jüdischen Humors verkörpert er ein Familienoberhaupt. Diesmal hat er den arroganten Nachbarn, einen Truthahnzüchter, zum Essen eingeladen. Auf dem Tisch aber, und in diesem Wissen sind wir Davidson einen entscheidenden Schritt voraus, befindet sich dessen preisgekröntes Zuchthuhn. Die Komödie besteht nun in den verzweifelten Versuchen der übrigen Anwesenden, den armen Davidson pantomimisch über den peinlichen Sachverhalt zu informieren, bevor der Nachbar selbst die bittere Erklärung für seine Gaumenfreuden herausfindet.

McCareys Spezialität ist das Timing: Der Laurel-und-Hardy-Stummfilm „Liberty“ bringt es fast metaphorisch zum Ausdruck, wenn sich die beiden auf das Baugerüst eines Wolkenkratzers verirren.

Es heißt, die große Zeit des Stummfilms in Hollywood sei eine Zeit der Unschuld gewesen. Für McCarey und seine Komiker aber ging es weniger um Poetisierung der Wirklichkeit als um eine analytische Bestandsaufnahme und die Bloßstellung der gesellschaftlichen Doppelmoral. Erst 1934 wurde der strenge moralische Code des „Hays Office“ in Hollywood durchgesetzt. Das endlose Spiel mit echten und falschen Ehepartnern, verpatzten Hochzeiten und notdürftig kaschierten Seitensprüngen hat selten schlimmere Strafen zu fürchten als eine Sahnetorte im Gesicht.

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